Auf Aucklands Straßen war es schon um 4 Uhr morgens zu Verkehrsstaus gekommen, weil die Menschen rechtzeitig zu Beginn der Live-Übertragung aus Bermuda an ihren Arbeitsplätzen eintreffen wollten. Eineinhalb Stunden später hatte es dann in den Büros und in den heimischen Wohnzimmern am Dienstag früh um 5.33 Uhr neuseeländischer Zeit kein Halten mehr gegeben. Menschen rannten auf die Straßen und schwenkten neuseeländische Flaggen. In der Royal New Zealand Yacht Squadron, dem Heimatverein des Emirates Team New Zealand in der Westhaven Marina, wo der America's Cup zwischen 1995 und 2003 schon einmal acht Jahre lang seinen eigenen Ausstellungs- und später auch Sicherheitsraum hatte, hatten Hunderte Fans minutenlang Fahnen geschwenkt und vor Glück geschrien. Anlass des frenetischen Beifalls: Das 35. Match um den America's Cup war entschieden. Der America's Cup kehrt nach Neuseeland zurück!


Vor Bermuda hatten die Neuseeländer am Montagnachmittag Ortszeit auf dem Bilderbuchrevier des Great Sound gleich den ersten von sechs Matchpunkten. Sie deklassierten und entthronten den amerikanischen Titelverteidiger Oracle Team USA mit 7:1. Für die Kiwis ist es der dritte Cup-Triumph seit 1995 und 2000. Doch dieser schmeckt nach der traumatischen Niederlage vor vier Jahren gegen dieselben Gegner besonders süß. Damals hatte das Emirates Team New Zealand schon mit 8:1 geführt, nach furioser Aufholjagd der Amerikaner aber noch 8:9 verloren. "Darüber kommt man nie hinweg", hatte Teamchef Grant Dalton später einmal gesagt, "und man sollte es auch nicht." Der Cup-Sieg seines Teams dürfte den Heilungsprozess der tiefen Wunde nun rapide beschleunigt haben.

Schneller, smarter, innovativer
Das Duell der beiden Cup-Giganten entschieden die Neuseeländer mit ihrem schnelleren Boot «Aotearoa», Jahrhundert-Talent Peter Burling am Steuer, einem starken Team und innovativerer Technik für sich. Optisch war die von Landsmann, Cup-Boss und Gegner Russell Coutts hochgelobte "Innovationskultur" durch die vier Radfahrer sichtbar geworden, die mit Pedalkraft statt am Grinder mit der herkömmlichen Armkraft für überlegene Hydraulik-Kraft gesorgt hatten. Nicht sichtbar, aber ebenfalls viel gelobt, war das Foil-Kontrollsystem der Kiwis, das Burlings Olympia-Vorschoter Blair Tuke bediente. Großen Anteil am Segelerfolg hatte auch ein Australier im Emirates Team New Zealand: Skipper Glenn Ashby, der einzige an Bord, der das Trauma 2013 selbst aktiv miterlebt hatte, trimmte den Segelflügel der "Aotearoa" (dt.: Land der langen weißen Wolke) und half dem Team mit seinem Erfahrungsschatz.

Überlegen bis zum Schluss: Team New Zealand (l.) mit dem pedalbelbetriebenen Hydrauliksystem, das neben dem Kontrollsystem für die Foils wohl eine der entscheidenden Innovationen war, die hinter dem Gewinn stecken. ACEA2017:Gilles Martin-Raget

Überlegen bis zum Schluss: Team New Zealand (l.) mit dem pedalbelbetriebenen Hydrauliksystem, das neben dem Kontrollsystem für die Foils wohl eine der entscheidenden Innovationen war, die hinter dem Gewinn stecken. ACEA 2017/Gilles Martin-Raget



Peter "Pistol Pete" Burling stellt mit dem Sieg bei seiner Cup-Premiere einen neuen Rekord auf: Der 49er-Olympiasieger von 2016 ist nun mit 26 Jahren der jüngste Steuermann, der je den America's Cup gewonnen hat. Sein Vorgänger war der geschlagene Oracle-Steuermann Jimmy Spithill, der den Cup erstmals 2010 im Alter von 30 Jahren gewonnen hatte. Die nächste Cup-Generation hat ihre Startblöcke nicht nur verlassen, sondern die Vorbilder von einst auch gleich im ersten Anlauf überholt. Burling war auch schon bei den Olympischen Spielen 2012 der jüngste Steuermann der 49er-Flotte, als er mit Silber seine erste Olympiamedaille gewann. Und er wird mit seinem 49er-Vorschoter und "Flugmodus"-Regulator Blair Tuke, Taktiker und Wing-Trimmer Glenn Ashby und dem Emirates Team New Zealand zu weiteren Höhenflügen ansetzen.

Spithill verneigt sich vor seinen Bezwingern
Sehenswert war die Siegerehrung der Teams auf Bermuda, die eine ganze Reihe emotionaler, denkwürdiger und auch seltsamer Momente bereit hielt. Etwa den, als die Amerikaner als Zweitplatzierte geehrt wurden und dem Cup-Motto "There is no second" mit ihren Gesichtsausdrücken das passende Bild gaben. Fast ein bisschen peinlich wurde es, als dem Team die Medaillen verliehen wurden, diese aber am Ende der Reihe ausgegangen waren. Weder für den inmitten seiner Segler stehenden Larry Ellison noch für Jimmy Spithill war eine übrig geblieben. Spithill hielt anschließend eine kurze Rede und erwies sich als überaus fairer Verlierer: "Wir ziehen unseren Hut vor den Kiwis. Sie haben besser gesegelt. Sie haben weniger Fehler gemacht. Sie waren eine Klasse besser als wir. So bitter es für uns auch ist: Sie haben ihre Dämonen besiegt und sind nach 2013 zurückgekommen. Sie haben verdient gewonnen." Anschließend kamen die Kiwis auf die Bühne und ließen sich feiern. Neben den Medaillen, die auch für ihr Team nicht reichten, erhielten sie noble Louis-Vuitton-Reisetaschen. Doch was taten sie damit, statt sie ihren Ehefrauen, Freundinnen oder Freunden zu schenken? Sie warfen sie voller Freude ins Publikum. Es folgte der krönende Moment dieser Cup-Auflage: Gemeinsam hoben Skipper Glenn Ashby und Steuermann Peter Burling den America's Cup als Erste in den Himmel über Bermuda, bevor auch jeder andere im Team Hand anlegen durfte.

Trost vom Chef: Spithill wird von Teameigner Larry Ellison umarmt. Gemeinsam holten sie den Cup 2010 mit dem Riesentrimaran BOR und schafften in San Francisco 2013, nach 1:8-Rückstand das scheinbar Unmögliche indem sie die Kiwis noch 9:8 schlugen.  Jetzt gab's die Revanche.  ACEA2017/Ricardo Pinto

Umarmung vom Chef 1: Spithill wird von Teameigner Larry Ellison getröstet. Gemeinsam holten sie den Cup 2010 mit dem Riesentrimaran BOR und schafften in San Francisco 2013, nach 1:8-Rückstand das scheinbar Unmögliche indem sie die Kiwis noch 9:8 schlugen. Jetzt gab's die Revanche. ACEA 2017/Ricardo Pinto



Mit ihrem Sieg nehmen die Kiwis die älteste Trophäe der Sportwelt mit nach Neuseeland und dürfen nun die 36. Cup-Auflage des America's Cup ausrichten. Dieses Recht haben Software-Milliardär Larry Ellison und sein Oracle Team USA nach ihrem gerichtlich erzwungenen Sieg über das Schweizer Team Alinghi im Jahr 2010 und der erfolgreichen Verteidigung 2013 vor San Francisco nun auf fremdem Terrain verwirkt. Die Wahl des britischen Überseegebietes Bermuda als Austragungsrevier außerhalb des Heimatlandes hatten viele Amerikaner dem Oracle Team USA und Rennstallbesitzer Larry Ellison übel genommen. Das hochgelobte Revier hat jedoch fast immer gehalten, was es versprochen hatte. Dennoch wird es hier keine zweite Cup-Auflage geben, denn die Kiwis werden "ihre" Kanne zuhause verteidigen. Neuseelands Teamchef Grant Dalton allerdings stelle die Rückkehr für ein Event in Aussicht und bedankte sich für das herausragende Regattarevier.

Der rote Mond geht wieder auf
Erste Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Cup-Zukunft gab es am Abend auch schon. Neuer "Challenger of Record" wird – wie schon erwartet, berichtet und bereits am Montagnachmittag vor Bermuda in Form einer italienischen Abordnung an Bord der 33-Meter-Superyacht "Imagine" von Neuseelands Schirmherr und Mäzen Matteo De Nora im Great Sound zu sehen – die Luna Rossa Challenge von Prada-Patriarch Patrizio Bertelli unter dem Banner des Circolo della Vela Sicilia. Die Italiener hatten ihre Teilnahme am 35. America's Cup während der bereits laufenden Kampagne aus Verärgerung über zu viele Regel- und Design-Änderungen der amerikanischen Verteidiger ein Jahr nach der Veröffentlichung des Protokolls für den 35. America's Cup zurückgezogen, das Ringen um die Kanne von der Seitenlinie beobachtet und gleichzeitig die Neuseeländer finanziell unterstützt. So liehen die leidenschaftlichen Cup-Liebhaber dem Emirates Team New Zealand beispielsweise ihren Prototypen zu Testzwecken. Auch hatten die Italiener den Neuseeländern einige Mitarbeiter für die Abteilungen Design und Segeln zur Verfügung gestellt, darunter Skipper Max Sirena. Für beide Seiten war das ein Gewinn: Die Kiwis hatten mehr Resourcen zur Verfügung, die Italiener blieben dicht dran am Geschehen. So war es kein Wunder, dass die Kiwis Bertelli und sein Team zu ihren neuen Verhandlungspartnerm auf Seiten der künftigen Herausforderer auserkoren. Den Vertrag zwischen den neuen Cup-Verteidigern und den ersten Herausforderern unterzeichneten Steve Mair, Commodore der Royal New Zealand Yacht Squadron, und Agostino Randazzo, Präsident des Circolo della Vela Sicilia.

Werden Prada-Patriarch und Luna Rossa zum Cup zurückkehren?

Werden zum Cup zurückkehren: Prada-Patriarch und Luna Rossa



Weitere Details wollte Teamchef Grant Dalton zunächst nicht nennen. Der Denker und Lenker des Emirates Team New Zealands sagte: "Wir werden einige Wochen arbeiten und die wichtigsten Eckdaten dann vorstellen. Den America's Cup zu gewinnen und dann als Gastgeber auszutragen, ist kein Recht, sondern ein Privileg. Wir werden das Richtige tun. Wir haben Ideen und einen Plan, aber wir wollen uns zunächst mit dem Challenger of Record beraten." Einen Abschiedsgruß an den Skipper, der dem Emirates Team New Zealand 2013 die bitterste aller denkbaren Niederlagen zugefügt hatte, hatte Grant Dalton zum Abschied auch noch. Dalton wird im New Zealand Herald so zitiert: "Spithill könnte mir nicht egaler sein. Er war sehr daran interessiert mich auszubooten. Sie haben Ihr Bestes getan. Das größte Software-Unternehmen der Welt ist nun gerade von der kleinen alten Neuseeland-Software geschlagen worden."

Umarmung vom Chef 2: Burling der Sieger bekommt von Teamchef Grant Dalton einen Drücker.  Foto: ACEA2017Ricardo-Pinto

Umarmung vom Chef 2: Sieger Peter Burling bekommt von Teamchef Grant Dalton einen Drücker. Foto: ACEA 2017/Ricardo Pinto



Dieser Artikel erscheint mit freundlicher Genehmigung der AYacht logo Europas größtem Segelmagazin

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