Als Tester kann man von Glück sprechen, wenn man gleich zweimal zum Segeln auf der neuen Oceanis Yacht 62 eingeladen wird, dem neuen Flaggschiff der französischen Großwerft, das die Oceanis 60 ersetzt. (Lesen Sie auch unsere Modellvorstellung). Zuerst ging's auf eine Runde am Atlantik vor Les Sables d'Olonne im Westen Frankreichs. Dann konnte ich auf einer 450-Meilen-Überstellung von Annapolis nach Newport, Rhode Island sehen, wie dieses Boot richtig genutzt werden sollte, was auf einem kurzen Testschlag kaum festzustellen ist.

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Beneteau Oceanis Yacht 62: Meilenfresser und derzeitiges Flaggschiff der französischen Werft.



Die längere Typenbezeichnung, die bewusst das Wort "Yacht" enthält, signalisiert den Beginn einer neuen Modellreihe von Schiffen mit mehr als 60 Fuß Länge. Nichts an der neuen Oceanis ist klein oder unscheinbar, von der großen Badeplattform am Heck bis zum massiven Bugspriet am anderen Ende, vom rund 3 Meter tief gehenden Kiel bis zum mehr als 27 Meter hohen Mast. Doch trotz der gigantischen Abmessungen, lässt sich diese Yacht von einem Ehepaar recht einfach bedienen, weil sich die dazu nötige Technologie an Bord befindet und weil der Segelplan entsprechend ausgelegt ist.

Deck und Rigg
Ein massiver Bugspriet aus Edelstahl dominiert das Vordeck und hält den Anker auch gut vom fast lotrechten Steven fern, was der makellosen Kosmetik dienlich ist. Darüberhinaus dient der Rüssel auch zum Anschlagen des aufpreispflichtigen und 250 Quadratmeter großen Code Zero, der dem Boot raumschots richtig Beine macht, wie auf unserer Überstellung mit einiger Genugtuung festzustellen war. Außerdem hat man von dort einen guten Panoramablick nach achtern, mit dem ausgedehnten Deck und dem Rudergänger, der von so weit weg ziemlich klein erscheint.

The all new Oceanis Yacht 62 By Beneteau. Ph: Guido Cantini  /  Sea&See

Stimmiger Segelplan, mit 105-Prozent-Genua und wahlweise einem durchgelatteten Großsegel (Bild) oder einem Rollgroß. Foto: Guido Cantini/Sea&See



Der nach oben verjüngte Sparcraft-Mast des 9/10-Riggs hat drei gepfeilte Salingspaare, steht an Deck und trägt eine Amwindsegelfläche von 176 Quadratmetern, die sich auf das Rollgroßsegel und auf eine 105-Prozent Genua aufteilt. Alle Kontrolleinen werden verdeckt nach achtern zu vier elektrischen Harken-Winschen geführt, die am Süll nahe den beiden Steuerständen montiert sind. Dichtholen und Fieren, Segel rauf, runter oder reffen: Alles wird mit Schaltern bedient, die auf der Kommando-Konsole am Steuerpodest montiert sind. Segeln auf Knopfdruck, kurz und gut.

Auf Wunsch gibt es auch ein Mannschaftslogis im Bug, das von Deck aus zugänglich ist und mit einer Edelstahlleiter, Stockbettkojen und einem kleinen Bad/WC ausgestattet ist. Wer beim Segeln auf die Dienste einer professionellen Crew zurückgreifen will, kann diese Option auf der Zubehörliste ankreuzen.

Beim Rundgang an Deck gibt es die 76 cm hohen Relingsdrähte zu bewundern, ein absolutes Muss für eine Blauwasseryacht diesen Kalibers und man zählt acht absenkbare Klampen, an denen sich keine Leinen verheddern können, ein nettes und sicheres Detail. Ebenfalls praktisch ist der Targabügel aus Kunststoff über dem Cockpit, der nicht nur als Großschotholepunkt dient, sondern auch als Befestigung für eine gigantische Spritzkappe. Wie auch andere Beneteau-Modelle, verzichtet die Oceanis Yacht 62 auf einen Traveler, womit das Segeln einfacher wird und die Crew auch weniger Arbeit hat.

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Privatstrand mit Doppeltreppe und Dingigarage: Das heck der Beneteau Oceanis Yacht 62. Foto: www.annoncesmairne.com



Nun ein bisschen was zum Wow-Faktor an Bord, nämlich die elektrisch betriebene Badeplattform am Heck, mit der sich Beneteau selbst übertrifft: Zwei Treppen, je eine an Backbord und Steuerbord, führen vom Cockpit hinunter auf den abklappbaren „Teak-Strand". Es handelt sich dabei um keine Leitern wohlgemerkt, sondern um massive Treppen mit mäßiger Steigung, die für jeden leicht begehbar sind. Die Plattform ist nicht nur eine Spielwiese, sondern auch ein perfekter Zugang zum Wasser und zum Beiboot. Man kann sie sogar soweit absenken, dass sie zu einer Sliprampe für das Dingi wird, das, sofern es sich dabei um einen 2,85 Meter kurzen Williams-Tender handelt, in die "Beibootgarage" passt.

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Das riesige Cockpit mit den beiden Tischen, die sich absenken lassen und so so zwei Sonnenliegen schaffen.



Das Arbeitscockpit achtern hat die erwähnte Doppelsteueranlage mit Kunsstoffkonsolen. Die Steuerräder stammen von Carbonautica, die Multifunktionsbildschirme sind B&G Zeus mit 12 Zoll Diagonale (wahlweise kann auch auf 16-Zoll NSO-Bildschirme von B&G aufgerüstet werden). Auf den Konsolen befinden sich die Schalter jener Systeme, die die Handhabung einer Yacht dieser Größe durch eine kleine Crew erst möglich machen, wie zum Beispiel für Bug- und Heckstrahlruder, mit denen sich das ganze Schiff seitwärts bewegen lässt, oder die Fernbedienung der Ankerwinsch, die es auch einem Einhandsegler gestattet, das Grundeisen sicher und effektiv zu setzen.

The all new Oceanis Yacht 62 By Beneteau.

Sonnenliege am Vordeck: Praktisch und sicher auch luftig, doch beim Wenden empfiehlt es sich, den Kopf einzuziehen. Foto: Guido Cantini/ Sea&See



Die Sicht nach vorne ist gut, besonders wenn man am Süll sitzend steuert. Schottaschen schlucken die Leinen-Spaghetti, ehe sie sich um die Füße des Rudergängers wickeln. Lobenswert sind auch die Kompasse an beiden Steuerständen, die Fußrasten, die sicheres Stehen bei Krängung ermöglichen, und natürlich die am Heck eingebauten Becherhalterungen. Sowohl an den Steuerkonsolen als auch am Heck gibt es Handläufe, die beim Wechseln zwischen den beiden Rädern äußerst nützlich sind, denn der Weg ist auf einem Schiff mit mehr als 5,30 Meter Breite ganz schön lang, besonders bei rauem Wetter.

Das Gemeinschaftscockpit weiter vorne, wird von einem u-förmigen Sofa dominiert, das sich um zwei Tische wölbt, die elektrisch absenkbar sind, und so zwei große Liegeflächen schaffen. Wenn gegessen wird, finden dort locker acht Personen Platz. Verbesserungsfähig ist die Position der Becherhalter, die sich bei ausgeklapptem Tisch unter der Tischflügeln verbergen und deshalb im Lounge-Modus nicht benutzbar sind. Dennoch fördert die Oceanis Yacht 62 das entspannte Dasein an Bord, mit einer Doppelliege im Bugbereich, je einer Sonnenliege beidseits des Kajütniedergangs (ggf. unter der Spritzkappe), auf den Cockpitduchten und achtern, wo sich eine Liegewiese über die gesamte Breite erstreckt. Alles in allem können hier 10 Personen gleichzeitig dem Sonnenbad frönen.

Der sanft abfallende Niedergang in den Salon

Der sanft abfallende Niedergang mit sechs Stufen, die in den Salon führen.



Immenses Interieur
Die Menge an natürlichem Licht, die durch die vielen transparenten Luken und Skylights im Kajütdach und die insgesamt sechs Rumpffenster ins Innere gelangt, könnte man wohl als unschlagbar bezeichnen. Verantwortlich dafür ist nicht etwa Nauta-Design, wie bisher von Beneteau gewohnt, sondern der Italiener Pierreangelo Andreani, dem es gelungen ist, sowohl im Dienste der Ästhetik als auch im Sinne der Ergonomie zu arbeiten, wobei das Ganze auch noch von Beneteaus Bootsbauern ordentlich umgesetzt wurde. Andreani ist ein Minimalist, weshalb an Bord der 62 die klare Kante dominiert, glatte Flächen mit viel versteckter Funktionalität. Wenn alles verstaut und geschlossen ist, kann man sich kaum vorstellen, dass sich darunter zum Bespiel eine komplette Galley verbirgt.

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Vorne die Konsole, die auch den Flachbild TV-Schirm beherbergt. Hinten die Navi mit dem schicken, aber nicht unbedingt seegerechten Drehsessel.



Und auch der Zugang zur Kajüte macht dem Komfortgedanken alle Ehre: Sechs Stufen führen in einem seichten 45-Grad-Winkel in den Salon, mit Handläufen an beiden Seiten, die eine Art Lebensversicherung sein können, wenn man mal am Ohr segeln muss. Die große Essgarnitur an Backbord ist von Haus aus so breit, dass man sich dort auch jederzeit hinlegen könnte, sogar unterwegs. Weniger glücklich gelöst ist der Sitz an der Navi, die zwar nach vorne ausgerichtet ist, doch an der es sich unter gewissen Bedingungen schwierig arbeiten lassen dürfte, besonders bei Krängung auf Steuerbordbug, zumal der Drehsessel den Navigator recht unsanft „abwerfen" könnte. Hier sollte Beneteau nachbessern, zumindest aber eine Fußleiste zum Abstützen montieren.

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Küche wie daheim: Die lineare Pantry auf der Oceanis Yacht 62 befriedigt auch gehobene Ansprüche.



An Steuerbord dann eine lineare Küchenzeile, die vom Salon durch eine Konsole abgetrennt wird, die nicht nur die Bar beherbergt, sondern auch den ausfahrbaren Flachbild-Fernsehschirm. Ein Handlauf, der sich über die gesamte Länge zieht, gibt dem Smutt Gelegenheit, sich bei Seegang vor einem Sturz in die Töpfe zu bewahren. Kompliziert wird's, wenn man auf Backbordbug abwaschen soll. Die TV-Konsole wäre ideal, um sich mit den Füßen abzustützen, doch sie endet vor dem Spülbecken, also just dort, wo sie am wichtigsten wäre, wenn man mit beiden Händen beschäftigt ist und einen Punkt zum Abstützen bräuchte. Die Ausstattung aber lässt sonst keine Wünsche offen, mit Mikrowelle, Dreiflammkocher und Backrohr, dem Kühlschrank, der von oben und vorne zugänglich ist, einer Eismaschine, einem Weinkühler, einer Abwaschmaschine und einem doppelten Spülbecken.

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Eigners Reich: Die Suite im Bug hat verschiedenen Ausstattungsoptionen. Hier mit Kasten an der Steuerbordseite.



Die Eignerkajüte vorne ist durch einen Gang erreichbar, der etwas um die Ecke führt, somit also mehr Privatsphäre erzeugt, weil die Kabine vom Salon aus nicht einsehbar ist. Ein Vorteil, besonders wenn Gäste mitsegeln. Das Doppelbett steht mittig, und Bad mit getrennter Dusche und WC gibt's natürlich auch. Der Bereich an Steuerbord, gleich neben dem Eingang kann auf Wunsch entweder mit Schreibtisch, Sofa oder einer Kommode mit Schubladen ausgestattet werden.

Die beiden Gästekajüten achtern sind an sich identisch, nur die beiden Bäder weichen leicht voneinander ab. Besonders bemerkenswert: Beneteau hat beiden Kabinen "Heckfenster" verpasst, wohl für mehr Licht und Luft. Ob das in der Praxis dann auch funktioniert, muss sich erst weisen, denn dieses Feature macht nur Sinn, wenn die Luken nicht von Gepäckstücken blockiert werden, die man auf den Ablageflächen davor stauen könnte.

Von der Steuerbordkabine aus ist der Maschinenraum durch eine großzügig bemessene Luke zugänglich und zwar so richtig, besser als auf vielen anderen Yachten dieser Größenordnung, sowohl die Rückseite des Diesels als auch die Vorderseite des Generators.

Segelperformance
Als wir die Flussmündung von Les Sables-d’Olonne verlassen, begrüßt uns der Atlantik mit meterhohen Wellen und 15 bis 20 Knoten wahrem Wind. Bei einem scheinbaren Windeinfallswinkel von 55 Grad schaffte das Boot auf der Kreuz immerhin 8 Knoten, die sich auf 10,2 steigern ließen, sobald die Schoten leicht geschrickt wurden.

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Großes Schiff, kleine Crew. Auch Yachten mit den Ausmaßen der Oceanis Yacht 62 können heute dank Automatisierung mit wenigen Händen bedient werden.



Auf der anderen Seite des Atlantiks, vor der US-Ostküste ein paar Wochen später, war die Brise nicht so gnädig, sodass der Großteil der Strecke motorsegelnd zurückgelegt werden musste. Doch auch unter Maschine bewährt sich die Oceanis Yacht 62, denn bei gemächlichen 2000 Umdrehungen zeigte die Logge 10,5 Knoten an und das war noch weit entfernt von Vollgas mit dem 160-PS Yanmar-Diesel. Der Brennstoffvorrat beträgt 460 Liter, ausreichend um selbst eine Strecke von 450 Meilen locker wegzustecken, ohne dass da die Reserve auch nur im Entferntesten angekratzt werden müsste.

Der Grundpreis der Oceanis Yacht 62 bewegt sich so um die 850,000 Euro, wobei für das Testboot mit all den Ausstattungsdetails dann eher 1,2 Millionen angespart werden müssten. Klingt nach viel, ist es aber anscheinend nicht, denn das Boot, so sagt zumindest Beneteau, verkauft sich ganz formidabel, obwohl ja erst kürzlich Premiere war.

Other Choices: The Oyster 625 offers a similarly sized option with a 2,000 square foot triple-spreader rig. A smaller option would be the Hanse 575.

Technische Daten Oceanis Yacht 62
Lüa (Rumpflänge): 18,12 m
Breite: 5,33 m
Tiefgang (std./alternativ): 2,90 m/2,55 m
Gewicht: 24,7 t
Masthöhe über WL: 27,4 m
Großsegel: 94,3 qm
Genua (106 %): 87,6 qm
Gennaker: ca. 250,0 qm
Kapazität Frischwasser: 860 l
Kapazität Kraftstoff: 460 l
Maschine: 160 PS / Wellenantrieb
Konstrukteur: Berret-Racoupeau Yacht Design
Styling & Design: Pierangelo Andreani Design
CE-Entwurfskategorie: A
Grundpreis: ca. 850,000 Euro

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Layout-Optionen mit Pullmannkajüte an Steuerbord mittschiffs oder einem dritten Nassraum. In beiden Varianten befindet sich die Mannschaftslogis im Bug.



Zu unseren Anzeigen von Beneteau Segelyachten

Andere Optionen in ähnlicher Größe wären die neue Bavaria C57, die ebenfalls neue Dufour 63 Exclusive oder die Hanse 588

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