Gäbe es Steven McInnis und seine Frau Nancy Jamison nicht, man müssten sie erfinden, als die idealtypischen Segler, die einem oft aus Broschüren entgegen winken und als Inspiration, wie man dem Sport auch im Alter noch aus Herzenslust frönen könnte. Zum einen gehören die beiden einer Einkommensschicht an, die es ihnen gestattet, ein opulent ausgestattetes Fahrtenboot an der Muring schwojen zu haben, um es an Wochenenden und zu Urlaubszeiten ausgiebig zu nutzen. Zu zweit, zu viert oder mit einer kleinen Kompanie von Freunden. Zum anderen leben die beiden in Newport im US Bundesstaat Rhode Island, an einem Ort, den man ebenfalls erfinden müsste, gäbe es ihn nicht. America’s Cup, International Yacht Restoration School, Museum of Yachting, der ehrwürdige New York Yacht Club. Segeln ist hier mehr als bloß Zeitvertreib, es ist integraler Bestandteil der Kultur. Wie Eishockey in Kanada. Wie Skilaufen in Kitzbühel. Oder Boßeln in Ostfriesland.

Familiär und doch anders: Die Hanse 505, eines der populärsten Modelle der Greifswalder Werft,  hier unter Gennaker,

Familiär und doch anders: Die Hanse 505, eines der populärsten Modelle der Greifswalder Werft, hier unter Gennaker



Newports Hausrevier, die Narragansett Bay bietet ideale Segelbedingungen von Juni bis Oktober. Und wenn’s mal weiter weg gehen soll, ist die Auswahl an Törnzielen groß: Block Island, Long Island Sound, New York, Martha’s Vinyard, Cape Cod, Nantucket oder die felsige Küste Maines mit ihren unzähligen Eilanden. Wer beim Segeln aus dem Vollen schöpfen möchte wie Steven und Nancy, kann das hier ausgiebig tun.
Das Fahrzeug, das die beiden sich für dieses Pläsier angeschafft haben, ist eine Hanse 505 Jahrgang 2015, ein Boot Made in Germany also. “Wir hatten vorher eine Jeanneau 39 und waren glücklich damit”, erzählt Mr. McInnis. “Doch auf einer unserer Wochenendtörns sahen wir eine Hanse mit dunkelblauem Rumpf. Das hat uns ziemlich imponiert, also beschlossen wir, uns kurz darauf während der Messe in Newport eine Hanse anzusehen. Und da stand dann das Boot, das wir schlussendlich kauften, unsere Maverick.” Dass es sich dabei um ein Vorführboot handelt, für das in der Optionsliste so ziemlich jedes Häkchen gesetzt wurde, störte die beiden nicht.

Umlenkrollen für die Fallen, Decksluken mit Belüftung, Teakbelag, Spritzkappe:  Neben der Serienausstattung, gab's auf Maverick auch zahlreiche Optionen. Foto: Dieter Loibner

Umlenkrollen für die Fallen, Decksluken mit Belüftung, Teakbelag, Spritzkappe: Neben der Serienausstattung, gab's auf Maverick auch zahlreiche Optionen. Foto: Dieter Loibner



Die Hanse 505, wie alle Hanse-Modelle eine Konstruktion von Judel/Vrolijk & Co., ist seit 2013 auf dem Markt und von den Abmessungen her identisch mit ihrem Vorgängermodell, der Hanse 495. Gebaut wird sie nach bewährtem Prinzip: Deck und Rumpfbereich über Wasser bestehen aus GFK-Sandwich mit Balsakern, während das Unterwasserschiff aus massivem GFK laminiert ist. Dennoch überarbeitete die Greifswalder Werft das Boot zum Teil recht deutlich, was sich zuallererst im Cockpit bemerkbar macht, in dem mehr Platz herrscht und alle Schoten, Fallen und Kontrolleinen, die mit Umlenkrollen vom Mast nach achtern geführt werden, direkt von beiden Steuerständen aus bedient werden können. Auch wenn sich dadurch die vielen losen Enden zu einer Spaghetti-Fabrik zusammenrotten können, ist dem Phänomen durch Wegstauen der Leinen in den ziemlich kompakt bemessenen Backskisten Herr zu werden. Das von uns getestete Schiff wurde mit Spritzkappe und Bimini, mit Teak auf Kajütdach und in der Plicht, sowie mit Kühlschrank im Cockpittisch ausgeliefert. Auch auf Fußrasten wurde nicht vergessen, die dem Rudergänger bei Krängung sicheren Stand verleihen.

Kontrollleinen bis zum Steuerstand, elektrische Winschen und Hebelklemmen: So lässt sich das Boot direkt vom Steuerstand aus beherrschen. Foto: Dieter Loibner

Kontrollleinen bis zum Steuerstand, elektrische Winschen und Hebelklemmen: So lässt sich das Boot direkt vom Steuerstand aus beherrschen. Foto: Dieter Loibner



Auf Maverick sind die Lewmar 55 EST EVO Primärwinschen elektrifiziert, womit das Setzen des Großsegels und die Handhabung der Schoten zum Kinderspiel geraten, zumal auch “motorisiertes” Fieren möglich ist, vorausgesetzt, die Leinen sind für die Selbstholer auch richtig dimensioniert. Dazu passt die Selbstwendefock, die bei Hanse zur Standardbesegelung gehört und die den Ein- oder Zweihandbetrieb stark vereinfacht. Die Ausstattung an Elektronik lässt auf dieser Yacht nichts zu wünschen übrig. Beide Steuerstände verfügen über Triton Multifunktionsanzeigen und Zeus Chartplotter von B & G, die alle relevanten Informationen gut ablesbar an den Rudergänger weitergeben.

Skipper und Eigner Steven McInnis hat in komfortabler Sitzposition am Steuer die Instrumente gut im Blick. Foto: Foto: Dieter Loibner

Skipper und Eigner Steven McInnis hat in komfortabler Sitzposition am Steuer die Instrumente im Blick. Foto: Foto: Dieter Loibner



Ebenfalls positiv: die beiden Schapps, die auf der Hanse 505 beiderseits des Niedergangs anstelle von Winschen eingebaut sind und kleinteiliges Zubehör wie Telefone, Kameras, Sonnenschutz oder Fernglas aufnehmen, die dort griffbereit gestaut werden. Amerikanischem Komfortverständnis ist die fernbediente Hydraulik zuzuschreiben, mit der die Heckklappe zur Badeplattform abgesenkt werden kann. Zusätzlich ist aber am Heck auch eine Leiter aus rostfreiem Stahl an der Steuerbordseite montiert, damit auch bei geschlossener Rampe das sichere Anbordkommen gewährleistet ist. Erwähnenswert ist zudem auch der zusätzliche Stauraum im Vorschiff, der von Deck aus über eine Edelstahlleiter zugänglich ist, und Ankerkette, Deckwaschanlage, Fender, Leinen und Gennaker beherbergt.

Tiefer und viel Platz: Der Ankerkasten ist auch Stauraum für Gennaker, Deckwaschanlage und diverses Zubehör. Foto: Dieter Loibner

Tiefer und viel Platz: Der Ankerkasten ist auch Stauraum für Gennaker, Deckwaschanlage und diverses Zubehör. Foto: Dieter Loibner



Beim Weg in den Wohnbereich mit dem zweiten Nassaum an Steuerbord und einer Werkstattkammer an Backbord des Niedergangs,  fällt der flache Winkel der Treppe auf und das gegenüber der Hanse 495 fehlende Brückendeck, das wegfallen konnte, weil das Boot nur noch mit geteilten Achterkajüten offeriert wird. Sehr amerikanisch die Atmosphäre unter Deck, die vom warmen Farbton der Kirschholzoberflächen dominiert wird und der hellen Lederpolsterung, die von Hanse als Portofino-Cream angeboten wird. Es ist nur eine von Tausenden möglichen Kombinationen fürs Innendekor. Nicht zu vergessen sind die vielen Luken und Fenster, die für Helligkeit und Frischluftzufuhr sorgen und die umsichtig platzierten Handläufe bzw. -griffe, die unter Deck bei Seegang Halt verleihen.

Kirsch & Cream: Das Interieur der Maverick repräsentiert nur  nur eine von unzähligen Stoff- und Farbkombinationen, die Hanse seinen Kunden anbietet. Links, die linear angeordnete Bordküche. Foto: Dieter Loibner

Kirsch & Cream: Das Interieur der Maverick mit der linearen Kombüse und der Konsole in der Salonmitte, in der sich ein Flachbild-TV verbirgt. Foto: Dieter Loibner



Die Eignerkajüte vorne ist mit einem getrennten Bad und WC ausgestattet und ist mit einem Inselbett möbliert, das sich aber bei Bedarf mit Leesegeln für die Benutzbarkeit während längerer Segelpassagen umrüsten lässt. Und wenn das Abenteuer Pause hat, oder die Beschallung innen und außen mittels Bluetoothfähiger Stereoanlage nicht mehr genügt, darf auch mal die Flimmerkiste angeworfen werden. An Bord gibt es deren zwei, eine mit 42 Zoll Bildschirmdiagonale, die versenkt in der Mittelkonsole des Salons schlummert und ein kleineres Endgerät mit DVD-Spieler in der Vorschiffkabine.

Inselbett in der Eignerkajüte, wobei Bad und WC getrennt an beiden Seiten installiert sind. Foto: Dieter Loibner

Inselbett in der Eignerkajüte, wobei Bad und WC getrennt an beiden Seiten installiert sind. Foto: Dieter Loibner



In der linearen Galley fällt nicht etwa das Gefrierfach auf, denn so etwas ist heute selbstverständlich, sondern der Geschirrspüler von Miele. “Wir nutzen ihn kaum, doch er war Teil des Ausstattungspakets”, bemüht sich Frau Jamison die Sachlage zu erklären. Begeistert ist sie von der 33,000 BTU Klimaanlage, die sowohl fürs Kühlen im Sommer als auch “im Rückwärtsgang” zum Heizen in der Übergangszeit genutzt wird. “Praktisch, vor allem bei den Überstellungen im Frühjahr und Herbst”, erzählt Jamison. Heißwasseraufbereitung und elektrische Toiletten gehören ebenfalls zur Ausstattung, wie auch der 4KW-Generator von Fischer-Panda, der unterwegs für die Stromversorgung geradesteht. Der Standardinverter wurde mit einem Mastervolt 2200 ersetzt und einem 100-Ampere-Ladegerät. “Das wäre auch in der Serie sinnvoll und zwar mit einem analogen Amperemeter”, meint McInnis.

Kletterpartie: Eigner Steven McInnis öffnet den Reißverschluss der Lazy-Bag-Stautasche des Großsegels. Foto: Dieter Loibner

Kletterpartie: Eigner Steven McInnis beim Einschäkeln des Großfalls. Foto: Dieter Loibner



Bevor es jedoch auf die Narragansett Bay hinausgehen kann, steigt McInnis, dem zwei künstliche Kniegelenke eingesetzt wurden, an zwei klappbaren Fußrasten am Mast hoch, um die Großsegelpersenning zu entfernen, die in das Lazy-Jack-Bergesystem integriert ist. Den Reißverschluss dafür hat er mit einer Sorgleine ausgestattet, die in beide Richtungen läuft, damit sich die Hülle nach dem Segelbetrieb auch ohne Turnerei wieder schnell und bequem schließen lässt.
Als die Muringleine los geworfen wird, herrscht bereits viel Verkehr, denn das Newport Folk-Festival in Fort Adams steht an dem Wochenende auf dem Programm und dazu reisen Tausende auf eigenem Kiel an. Gemächlich tuckert die Hanse Richtung Westen, kaum hörbar tut der Volvo Penta D2-75 mit 53 KW (72 PS) seinen Dienst, während McInnis sich einen Weg bahnt durch das Gewusel von Yachten und Boote jeglichen Zuschnitts. Der dreiflügelige Flex-O-Fold Propeller, so sagt der Skipper, kann das Boot ordentlich pushen, wenn es denn sein muss, aber ihm seien 2200 Touren und gut 8 Knoten Marschfahrt am liebsten, denn dabei halten sich sowohl der Geräuschpegel als auch der Verbrauch mit 1,7 Gallonen (knapp 6,5 l) Diesel pro Stunde in Grenzen.

McInnis (r.) und seine Frau Nancy Jamison sind beide kompetente Segler und teilen sich die Aufgaben an Bord. Foto: Dieter Loibner

McInnis (r.) und seine Frau Nancy Jamison sind beide kompetente Segler und teilen sich die Aufgaben an Bord. Foto: Dieter Loibner



Mit den elektrifizierten Winschen sind die Segel im Handumdrehen ohne Schweißausbruch gesetzt, sodass der Volvo vorerst mal Schicht hat. In der eingekehrten Ruhe vernimmt man nichts außer dem Rauschen von Mavericks Bugwelle. Die Brise kratzt noch nicht ganz an 10 Knoten, aber es geht dennoch zügig voran, wobei ein bisschen Schiebestrom nicht schadet. Unter Standardgarderobe segelt die Yacht hoch am Wind Richtung Südwesten, vorbei an der Hammersmith Farm, wo John F. Kennedy und Jacqueline Bouvier heirateten, und am Restaurant und Leuchtturm von Castle Hill. Der Wind legt zu, das tut dem Boot spürbar gut, das laut Spezifikation 14 Tonnen verdrängt, doch mit den installierten Extras sicher um einiges mehr.

Kein Extra, dennoch praktisch: Die Seitenfenster im Kajütaufbau lassen sich zur besseren Belüftung öffnen. Foto: Dieter Loibner

Kein Extra, dennoch praktisch: Die rutschfeste Oberfläche des Seitendecks und die Seitenfenster, die sich  zur Belüftung öffnen lassen. Foto: Dieter Loibner



McInnis wählte den Kurzkiel, um auch in seichteren Gewässern segeln zu können, doch auch damit schlägt sich Maverick bergan gut. Sie lässt zum Beispiel eine deutlich größere Mittelcockpityacht achteraus, die es auf einen Vergleich angelegt hatte. Das ist nicht nur der umsichtigen Schiffsführung geschuldet, sondern auch der gut geschnittenen FCL-Segelgarderobe von Elvström, die tadellos steht und in der Welle auch genug Dampf macht. Beim Wenden bleibt jeder am Platz, allenfalls sind es die Drinks, die nun mit der anderen Hand zu halten sind. Als der Beavertail-Leuchtturm voraus Gestalt annimmt, wird einstimmig beschlossen, die Rückreise anzutreten und zwar unter Zuhilfenahme des Gennakers, der dafür aus seinem Verließ im Bugstauraum aufs Vordeck gehievt wird. Mitsegler Kevin Dailey, der beim Yachtmakler McMichael auch für den Verkauf von Hanse zuständig ist, und seine Frau Victoria Vandamm, legen beim Setzen kundig Hand an. Sobald das große Tuch im Wind steht, steigen auch die Zahlen auf der Logge, die jetzt zwischen 8 und 9 Knoten ausweist, während Conanicut-Island an der Backbordreling vorüberzieht.

Veronica Vandamm an der luvseitigen Reling beim Trimmen des Gennakers, der raumschots für Vortrieb sorgt. Foto: Dieter Loibner

Veronica Vandamm an der luvseitigen Reling beim Trimmen des Gennakers, der raumschots für Vortrieb sorgt. Foto: Dieter Loibner



Beim berühmten Clingstone House on the Rock vor Jamestown wird es dann Zeit, beginnend mit dem Gennaker Segel weg zu nehmen und den Diesel wieder zu bemühen, um im dichten Chaos vor Fort Adams, gegebenenfalls wirksam und schnell manövrieren zu können. Doch alles läuft glatt und Maverick geht ohne Kratzer und Murren und ganz ohne den eingebauten Bugstrahlruder am Steiger vor Harbor Court längs. Das ist die Sommerresidenz des New York Yacht Clubs, bei dem McInnis und seine Frau Mitglieder sind. “Hat Spaß gemacht, nicht?” fragt der Schiffseigner rein rhetorisch. Hat es, das sieht man auch den entspannten Gesichtern der Mitsegler an, die klar Schiff machen, während er sich um das Nachbunkern von Wein und Prozentigem kümmert.

Schöner Abschluss: Am Steiger vor dem berühmten New York Yacht Club.  Foto: Dieter Loibner

Schöner Abschluss: Am Steiger vor dem berühmten New York Yacht Club.
Foto: Dieter Loibner



Denn Maverick wird nicht lange auf ihren nächsten Einsatz warten. Schon am folgenden Wochenende soll das Schiff an einer Wohltätigkeitsregatta teilnehmen, bei der zahlende Gäste an Bord erwartet werden. Und die wollen beim Segeln Spaß haben, standesgemäß essen und trinken und auch ohne Maloche die Erinnerung an ein schönes Erlebnis mit nach Hause nehmen. Soweit sich dies im Verlauf unseres Nachmittagstörns feststellen ließ, liegen sie mit solchen Erwartungen auf der Hanse 505 richtig. Und das ist ganz so, wie sich Prospektemacher das vorstellen.

Das Kajütenlayout  der Maverick. mit dem zweiten Nassraum beim Niedergang und einem "Werkstattraum" an Backbord.

Das Kajütenlayout der Maverick mit dem zweiten Nassraum an Steuerbord  und einem "Werkstattraum" an Backbord  des Niederganges.



Spezifikationen Hanse 505
Lüa(Rumpflänge): 14,85 m
Breite: : 4,75 m
Tiefgang/alternativ: 2,38/1,98 m
Verdr.: 14,0 t
Ballast/-anteil: 4,0 t/29 %
Großsegel: 67,5 m2
Selbstwendefock: 51,5 m2
Wasser: ca. 650 l
Treibst.: ca. 300 l
Motor: Volvo Penta D2 mit Saildrive 53 kW/72 PS
Konstrukteur: Judel/Vrolijk & Co
CE-Entwurfskategorie: A (Hochsee)
Grundpreis ab Werft: 296.310 Euro inkl. MwSt.
Preis wie gesegelt: ca. 480,000 Euro inkl. MwSt. (Preis dient nur als Anhalt für eine Hanse 505 mit vergleichbarer Ausstattung für den deutschen Markt)

Zu den Anzeigen von Hanse-Segelyachten

Anzeige