Man behauptet ja nicht von ungefähr, dass sich der Erfolg eines Designs an verschiedenen Faktoren messen lässt: An seiner Langlebigkeit zum Beispiel, an der Anzahl der Imitationen, oder wie beim Katamaran Seawind 1160 der Fall, mit der frischen Interpretation einer bewährten Grundidee. Der Neue, der eigentlich genau so aussieht wie der Alte, aber ein paar Kunststücke mehr beherrscht, heißt Seawind 1190 Sport, wobei “Sport” der operative Teil der Produktbezeichnung ist. Der 1160, wie man sich unter Umständen noch entsinnt, stürmte 2004 auf die internationale Bühne und war ein durchschlagender Erfolg für den australischen Hersteller Seawind Catamarans, der 2010 Corsair Marine aufkaufte, jene amerikanische Trimaranwerft, die von John Walton gegründet wurde, seines Zeichens Sohn des Wal-Mart-Patriarchen Sam Walton. Heute werden sowohl Seawind-Kats als auch Corsair-Trimarane in Ho-Chi- Minh-Stadt in Vietnam gebaut und über ein gemeinsames Händlernetz weltweit vertrieben.

Die Seawind 1190S bei ersten Tests in Asien

Die Seawind 1190 Sport bei den Tests in Asien.



Aus der Ferne an der Boje betrachtet fallen an der Seawind 1190 Sport die großen Rumpffenster auf und der sowohl zum Bug als auch zum Heck hin abfallende Decksprung. Es sind zwei Merkmale, die darauf hindeuten, dass dieser Entwurf aus einer Zeit stammt, bevor Fahrtenkats als Wavepiercer ausgelegt waren oder Riggs hatten, die weiter achtern stehen. Aber wozu Dinge reparieren, die gar nicht kaputt sind? Mit mehr als 150 verkauften Einheiten handelt es sich um eine erprobte Konstruktion, die über die Jahre in den Genuss zahlreicher Justagen und Optimierungen gelangte.

Schon an der Boje untescheidet sich die optik der Seawind 1190 S von anderen kontemporären Katamaranen .Foto: Dieter Loibner

Schon an der Boje unterscheidet sich die Optik der Seawind 1190 Sport von anderen kontemporären Katamaranen. Foto: Dieter Loibner



Während die 1160 weiterhin als Deluxe und Lite-Version im Angebot bleibt, behält die 1190 Sport zwar deren Optik, doch wurden ihr auch deutlich mehr Segel-PS verpasst, die sie zu einem wahrhaftigen Performance-Cruiser stempeln. Die Verbesserungen sind so einfach wie schlau, weil sie einerseits darauf abzielen, Gewicht zu reduzieren, das Feind der Geschwindigkeit ist, andererseits aber auch die Power bereitstellen, die dazu nötig ist, Gewichtsverlust in Geschwindigkeitszuwachs umzusetzen. Mit einer unbeladenen Verdrängung von weniger als sieben Tonnen (Werksangabe Seawind) setzt die 1190 Sport neue Maßstäbe für Fahrtenkats dieser Größenordnung. Die Lagoon 39 verdrängt zum Vergleich fast fünf Tonnen mehr.

Alles am Platz: Der Steuermann wirft einen Kontrollblick auf einen der beiden Außenborder, die auf der Seawind 1190 Sport als Hilfsmotor eingesetzt werden. Foto: Dieter Loibner

Alles am Platz: Der Steuermann wirft einen Kontrollblick auf einen der beiden Außenborder, die auf der Seawind 1190 Sport als Hilfsmotor eingesetzt werden. Foto: Dieter Loibner



Wie ist Seawind diese Abmagerungskur gelungen? Die beiden Dieseleinbaumaschinen wurden durch zwei 20-PS Außenborder ersetzt, die in eigenen Schächten untergebracht sind und sich hochkippen lassen wenn sie nicht in Gebrauch sind, beim Segeln also weniger Wasserwiderstand produzieren. Darüberhinaus verwenden die Bootsbauer beim Innenausbau auch leichtere Materialien für die Innenschale, die Böden und die Möblierung und hatten auch die Unverfrorenheit, diese fast 12 Meter lange Fahrtenyacht serienmäßig mit nur einer Toilette auszurüsten.

Weiter Performance-Merkmale sind die beiden Heckspoiler, die die Gesamtlänge um 30 cm vergrößern und die Kassetten-Ruder am Heckspiegel, die auf den ersten Blick ein wenig überzogen wirken. Sie sind jedoch keine schlechte Lösung, denn die 1190 Sport hat keine Stummelkiele, wie man sie häufig auf Fahrtenkats findet, die die Ruder vor Treibgut oder bei der Strandlandung schützen. Stattdessen entschied sich Seawind für zwei schlanke Schwerter, wie sie etwa bei den französischen Catana-Kats üblich sind, weil sie auf Amwindkursen einfach mehr Höhe bringen. Die Kehrseite ist die erhöhte Anfälligkeit bei Kollisionen mit schwimmendem Müll und der Verlust von Innenraum. Doch gerade letztere Herausforderung wurde auf der 1190 Sport elegant gelöst, die damit beweist, dass Steckschwerter samt Schwertkästen keine hässlichen Raumvernichter unter Deck sein müssen.

Küche unten: Auf der Seawind befindet sich  die Kombüse in einem Rumpf, nicht im Salon. Foto: Dieter Loibner

Küche unten: Auf der Seawind befindet sich die Kombüse in einem Rumpf, nicht im Salon. Zwischen Herd und Spüle der Schwertkasten. Foto: Dieter Loibner



An Steuerbord ist tief unten im Rumpf nämlich eine lineare Kombüse installiert, die tatsächlich retro anmutet, weil Küchen auf Fahrtenkats heute oben im Salon eingerichtet sind, mit Fernblick und in Reichweite des Cockpits. Dennoch hat Kochen im Keller einige Vorteile: Der Schwerpunkt wandert dadurch weit nach unten und es gibt viel Stauraum und Platz, auch für den Schwertkasten, der recht diskret zwischen Herd und Spülbecken an der äußeren Bordwand verläuft. Dass sich der Smutt dennoch voll entfalten kann, liegt auch daran, dass es auf der gegenüberliegenden Seite eine Theke gibt, die gefühlt eine Meile lang ist. Im Backbordrumpf verschwindet der Schwertkasten übrigens auch, allerdings hinter der Navi.

Die Seawind 1190 Sport gibt es nur mit Dreikabinen-Layout, wobei zwei Kajüten an Steuerbord untergebracht sind und der Backbordrumpf die Eignersuite beherbergt, mit einer großen Doppelkoje quer zur Fahrtrichtung vorne und einem großen Bad achtern. Das zielt auf Privateigner, doch diese Anordnung dürfte das Boot für Charterfirmen weniger interessant machen, wenn es darum geht, den Kunden Kats mit vier Kajüten samt eigener Dusche und WC hinzustellen. Wer möchte, kann allerdings den Ölzeugschrank vorne im Steuerbordrumpf in ein kleines Bad umrüsten.

Schalfgemach: Die Eignerkabine mit der Doppelkoje ist im Backbordrumpf untergebracht. Foto: Dieter Loibner

Schlafgemach: Die Eignerkabine mit der Doppelkoje und dem Bad ist im Backbordrumpf untergebracht. Foto: Dieter Loibner



Helle Oberflächen schaffen im Inneren ein ebensolches Ambiente und die pflegeleichten Laminate des Mobiliars lassen sich auch leicht sauber halten. Zu beachten: Die dunkel getönten Salonfenster, die unten nach außen geneigt sind, nehmen in geschlossenem Zustand Sonnenbestrahlung auf, heißt im Inneren kann es an einem schönen Sommertag auch ziemlich warm werden. Doch sobald die Fenster und Türen des Deckshauses geöffnet werden, weht die Seebrise durch die Kajüte, womit die Vorzüge einer natürlichen Belüftung aufgezeigt werden, vorausgesetzt sie ist richtig ausgeführt. Dann geht es wohl auch ohne Klimaanlage, die sowohl zusätzliche Kosten als auch einiges Gewicht addieren würde, womit der Performance-Anspruch dieser Yacht beeinträchtigt wäre. Seawind hat sich zurückgehalten und die Yacht nicht mit Ausrüstung unnötig überladen. Stattdessen wählte man einfache aber praktikable Lösungen, was auch der Grund dafür ist, dass die 1190 Sport in Aussehen und Anmutung ehrlich und unpretentiös bleibt.

Helles Ambiente, doch an warmen Tagen müssen die Salonfenster zur Kühlung und Belüftung geöffnet werden. Foto: Dieter Loibner

Helles, modernes Ambiente, doch an warmen Tagen müssen die Salonfenster zur Kühlung und Belüftung geöffnet werden. Foto: Dieter Loibner



Die Fertigungsmethoden sind bewährt, mit der Verwendung von Vakuum-Infusion und Vinylester für die Rümpfe bzw. Polyesterharz für das Deck, das auch geformte rutschfeste Beläge aufweist. Lasttragende Teile wie z. B. der vordere Querträger wurden mit Kohlefaser verstärkt, während der Mittelsteg am Vordeck aus GFK Sandwich mit PVC-Kern gefertigt ist. Für die Verstagung des Alumasts mit Doppelsalingen werden sowohl Dyform als auch rostfreie Stahldrähte und synthetische Leinen (z. B. für die Oberwanten) eingesetzt.

Das Reffen der Vorsegel ist einfach, denn sowohl für Screecher als auch Normalfock gibt es Rollanlagen, während das Großsegel mit einem normalen Doppelreff und Lazyjacks ausgestattet ist. Die Großschot kann von beiden Steuerständen getrimmt werden, während die Schot der Selbstwendefock, die auf einer gekrümmten Schiene am Vordeck läuft, zentral geschoren ist und einen langen Umweg den Mast hoch und wieder runter nimmt. Danach wird sie von Umlenkrollen am Mastfuß zum Cockpit geführt. Die übrigen Trimmleinen, wie auch jene zum Einstellen des Schwerttiefgangs, laufen offen an Deck und werden ebenfalls von Blöcken umgelenkt. Das ist alles einfach, kostengünstig und leicht zu warten, aber eben auch ein Bruch mit der aktuellen Mode, die vorgibt, dass Leinen aller Art unter Deck zu laufen haben, um einen aufgeräumten Eindruck zu erzeugen, was aber auch teurer ist und Komplexität mit sich bringt.

Offengelegt: Die Leinen laufen an Deck und das Besteigen des Kajütdachs wird durch Tritt und Handlauf erleichtert. Foto: Dieter Loibner

Offengelegt: Die Leinen laufen an Deck und das Besteigen des Kajütdachs wird durch Tritt und Handlauf erleichtert. Foto: Dieter Loibner



Man kommt nicht umhin, die 1190 Sport für die Stahlhandläufe und den Sicherheitstritt an der Seite des Deckshauses zu loben, die das Aufentern aufs Dach sicherer gestalten und auch für die Reling, für die vorbildlich drei Drähte gespannt werden und die auch 70 cm Höhe über Deck aufweist, wie es den CE-Regularien entspricht. Ansonsten besteht die Beschlagsausrüstung an Deck aus Ronstan Selbstholewinschen mit einem oder zwei Gängen und einer Phalanx von Hebelklemmen.

Trotz der Ausrichtung auf gute Segelleistungen ist eines der prägenden und praktischen Merkmale dieser Modellreihe das sogenannte Trifold-Door, das den Innenbereich des Deckshauses vom Cockpit trennt, aber in geöffnetem Zustand zu einer großen Lounge vereint, die von beiden Steuerständen flankiert wird. Geöffnet lässt sich diese Wundertür zweimal lateral und einmal vertikal falten, bevor man sie mithilfe eines eigenen Falls und einer der Primärwinschen hochkurbelt, bis sie waagerecht unter dem fixen Biminidach gestaut ist, das sich übrigens bis zum hinteren Querträger zieht. An der Oberseite befinden sich Solarzellen und ein gebogene Travelerschiene. Unterstützt wird dieser Schattenspender durch einen kohlefaserverstärkten Targabügel.

Klappen und kurbeln: Das Trifold-Door wird zum Verstauen nach oben gewinscht. Foto: Dieter Loibner

Klappen und kurbeln: Das Trifold-Door wird zum Verstauen nach oben gewinscht. Foto: Dieter Loibner



Es gibt genug Platz, um sich frei von einer Seite auf die andere durchs Cockpit zu bewegen, will man aber auf die Seitendecks, muss man auf die Abdeckung der beiden Außenborder steigen, die unter der Brücke angebracht sind. Die beiden 20-PS-Hondas haben elektrische Starter und Kippmechanismen, die sich allerdings nur vom backbordseitigen Steuerstand bedienen lassen, wo auch die beiden Gashebel installiert sind. Winschen, Schoten, und andere Trimmeinrichtungen sind in Reichweite des Rudergängers, womit der theoretische Einhandbetrieb oder das Segeln mit kleiner Crew möglich sind. Wenn man dabei als Rudergänger seitlich am Süll sitzt, hat man auch gute Sicht nach vorne und auf die Spione im Vorsegel, was gestandene Segler besonders freut.

Kurvengeist: Die Normalfock wird an einer gekrümmten Schiene angeschlagen, die der Crew beim Wenden die Arbeit abnimmt. Foto: Dieter Loibner

Kurvengeist: Die Normalfock wird an einer gekrümmten Schiene angeschlagen, die der Crew beim Wenden die Arbeit abnimmt. Foto: Dieter Loibner



Das schwarze Aramid-Großsegel von Doyle war einfach zu setzten, obwohl sich am Schluss ein wenig der Puls beim Hochkurbeln meldete. Und sobald die Muring losgemacht war, ging es mit der 1190 Sport gleich zur Sache. Das Halsen vor dem böigen West war entspannt, weil das Boot den Ruderkommandos prompt Folge leistete. Bald trat auch der Screecher auf den Plan, der noch mehr Dampf machte, wie auch die Logge bestätigte, die bis zu 9 Knoten Bootsgeschwindigkeit auswies. Das war beachtlich, denn der Wind blies mit unwesentlich mehr als 10 Knoten. Anders als die selbstwendende Normalfock muss das große Vorsegel bei jeder Wende losgeworfen und neu geschotet werden. Auch hier folgte der Kat brav dem Ruder, ein Vorteil der schmalen, tief gehenden Schwerter, und schaffte Wendewinkel von weniger als 90 Grad. Das ist ein Wert, der für Fahrtenkats mit Stummelkielen kaum zu schaffen ist.

Leichtes Schiff, guter Segler. Die 1190 S überzeugt mit ansprechenden Fahrleistungen.

Leichtes Schiff, guter Segler. Die 1190  Sport überzeugt mit ansprechenden Fahrleistungen.



Mehr Segelfläche brachte wirklich mehr Freude bei diesem Test, doch das Boot war nie und nimmer an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit auf dem geschützten Revier des Wareham Rivers, einem Seitenarm der Buzzards Bay. Ehe man sich versah, war es schon wieder an der Zeit, die Muringboje kurzstag zu holen. Die beiden Honda Außenborder machten die Aktion zum Kinderspiel, obwohl man sich durchaus vorstellen könnte, so ein Manöver mit der Seawind 1190 Sport auch nur unter Segeln zu fahren. Beim Zurückrudern an den Strand ergab sich noch die Gelegenheit, dem Kat kurz „unter den Rock” zu gucken und die Verkleidung zu bestaunen, die die hochgekippten Außenborder schützt. Es handelt sich dabei um ein nettes und praktisches Detail, das zeigt, wie sehr Seawind noch immer auf diese bewährte Konstruktion setzt, und ihr wohl deshalb eine frische Dosis Performance verpasste.

Gut geschützt: Außenborder werden hochgeklappt um den Reibungswiderstand im Wasser zu vermindern. Foto: Dieter Loibner

Gut geschützt: Außenborder werden hochgeklappt um den Reibungswiderstand im Wasser zu vermindern. Foto: Dieter Loibner



Spezifikationen Seawind 1190 Sport
Lüa: 11,9m
LWL: 11,3m
Breite: 6.5m
Tiefg. (Schwert auf/ab): 0,6 m/2,10 m
Verdr.: 6,9 t
Brückendeckhöhe: 0,73m
Segelfl.: Groß 59,7 qm
Fock: 23,52 qm
Motorisierung: 2 x 20 PS Honda Außenborder
Treibst.: 270 l
Wasser: 700 l
Grauwasser: 130 l
Design: Seawind
Preis (inkl. 19% MwSt.) 475.000 Euro
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Steckschwert, Steckruder, Gennaker am Bugspriet, die Seawind 1190S verdient die Bezeichnung Performance Cruiser.

Steckschwert, Steckruder, Gennaker am Bugspriet, die Seawind 1190S verdient die Bezeichnung Performance Cruiser.



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