Kleine Yachten zu bauen, so sagt man gern, sei schwieriger als große, denn die Ansprüche des Seglers sind die gleichen, egal ob sie auf 10 oder 15 Metern Schiffslänge ausgelebt werden, bloß hat der Konstrukteur im ersteren Fall viel weniger Platz, um alles unterzubringen. Hanse Yachts, deren Produktpalette derzeit Yachten von knapp 10 Meter bis über 21 Meter Länge aufweist, beweist mit der neuen 315, dass man, entgegen dem allgemeinen Trend zu immer größeren Yachten, es auch weiterhin sehr gut versteht, auf einem Einsteigerschiff alles unterzubringen, was man für ein Wochenende oder mehr auf dem Wasser braucht.

Hanse 315: Das neue Einstiegsmodell legt auch seglerisch einen überzeugenden Auftritt hin.



Das neue Modell, das wie gewohnt vom Zeichenbrett der Bremer Designschmiede Judel & Vrolijk & Co. stammt, ersetzt die Hanse 325. Gebaut wird das Schiff im Sandwichverfahren, was bis dato nur größeren Hanse-Modellen vorbehalten war. Bei der Verklebung von Rumpf und Deck wurde gleich auch eine Fußleiste eingebaut, die bei Krängung für sicheren Halt am Seitendeck sorgt. Das Boot wird mit einem L-Kiel aus Gusseisen geliefert, den es mit einem Standardtiefgang von 1,85 m gibt, oder auf Wunsch auch mit 1,37 m für Flachwasserreviere.

Pinne oder Doppelräder?
Das Alurigg von Selden steht an Deck und wird über zwei Salingpaare verstagt, wobei die Wanten außen am Rumpf ansetzen. Die Besegelung besteht im Standard aus Dacron, doch am Testboot kam ein Satz Elvström FCL (steht für Fast Cruising Laminate) zur Verwendung. Dank der serienmäßigen Selbstwendefock mit Furlex Rolleinrichtung (eine 105-Prozent Genua mit fliegenden Holepunkten steht ebenfalls zur Wahl) ist ein Schlag alleine oder zu zweit ein Kinderspiel. Erfreulich, wenn man nicht unbedingt auf Mitsegler angewiesen ist und dennoch Spaß haben kann.

Alumast steht an Deck, die Wanten sind außen angeschlagen. Strecker, Fallen und Reffleine werden umgelenkt und am Kajütdach nach achtern geführt

Alumast steht an Deck, die Wanten sind außen angeschlagen. Strecker, Fallen und Reffleine werden am Mastfuß umgelenkt und am Kajütdach nach achtern geführt



Zwei Steuerräder auf einem Boot unter 10 Metern gab’s schon auf der Dufour 310 GL zu sehen. Diese Anordnung bietet mehr Bewegungsfreiheit als mit einem einzelnen, mittig angeordneten Rad, doch sie hat Auswirkungen, weil die Duchten relativ kurz sind. Das kostet Stauraum und zwingt Rudergänger und Trimmer zu Kompromissen bei der Sitzordnung wenn das Boot in der Standardversion mit Pinnensteuerung betrieben wird. Doch mal ehrlich: Wer’s gern bequem hat und auf coole Optik Wert legt, wird schwerlich auf die beiden schicken dänischen Jefa-Kohelfaserräder verzichten. Noch dazu, weil sie das Boot exakt steuern und dabei auch gut in der Hand liegen. Kartenplotter und Instrumente waren am Testboot übrigens am Steuerstand an Backbord installiert.

Doppelräder sind bei der Hanse 315 Option, doch angesichts des Cockpitlayouts wohl die attraktivere Variante.

Doppelräder sind bei der Hanse 315 Option, doch angesichts des Cockpitlayouts wohl die attraktivere Variante als die Pinnensteuerung.



Natürlich gibt’s auch für die 315 eine Heckklappe, allerdings nur als Zubehör. Sie lässt sich horizontal absenken, entweder als Badeplattform oder als praktische Zugangshilfe, wenn man von achtern an Bord geht. Wird sie nicht geordert, bleibt das Heck einfach offen. Nun zum anderen Ende: Am Bug ist ein Ankerkasten eingebaut, in dem auch die elektrische und aufpreispflichtige Winsch Platz findet. Auch wenn man bei Flachwasser versucht ist, das Grundeisen von Hand an Bord zu holen, ist dies sicher eine vernünftige Option. Praktisch ist auch die Dreifachnutzung des kurzen Bugspriets, an dem ein Gennaker gefahren werden kann, der aber auch für die Ankerrolle da ist und als Trittbrett dient.

hanse315_kreuz_achtern

Offenes Ende: Die Heckklappe/Badeplattform ist auf dieser Hanse 315 nicht installiert.



Wer das Boot an einem traditionellen Liegeplatz in der Marina hat, sollte sich die Version der Reling leisten, die sich beidseitig mittschiffs öffnen lässt, um Zustieg und Beladung zu erleichtern. Teak gibt es auch serienmäßig, doch nur auf den Sitzduchten. Wer es auf Deck bzw. Cockpitbelag wünscht, wird extra zur Kasse gebeten. Das Testschiff hatte kein zusätzliches Teak, was vielleicht nicht ganz so elegant aussieht, doch vom Gewicht und dem Pflegeaufwand her deutlich leichter ist, speziell im fortschreitenden Alter.

Wohnzimmer: Der Salon der Hanse 315 hat Platz für vier Personen.

Wohnzimmer: Der Salon der Hanse 315 hat Platz für vier Personen.



Zwei Kabinen und viel gute Ideen
Unter Deck kommt Raffinesse so richtig zum Tragen, auch wenn man auf der Schiffsgröße keine Vielzahl von Möglichkeiten vorfindet, zwei Kajüten, eine Nasszelle und genug Wohnraum für vier Personen zu schaffen. Es gibt dementsprechend nur ein Layout, für das es eine Vielzahl an Stoff-, Farb- und Holzkombinationen gibt, falls die Standardausführung in Mahagoni nicht zusagt. Das Arrangement offeriert dagegen nur ein paar Variationen für die Bugkabine, die für zwei Erwachsene normaler Größe vielleicht etwas eng geraten ist, aber eine tolle Stube für zwei Kids sein kann. Das Trennschott zwischen Salon und Bugkajüte ist aufpreispflichtig. In der Grundversion bleibt der Bereich offen, womit ein Eindruck von Größe entsteht. Ist das Schott installiert, kann vorne wahlweise auch eine Einzelkoje und eine Sitzgelegenheit installiert werden. Egal wie man entscheidet, der Stauraum ist in diesem Bereich allemal knapp.

Bugkabine: Kann mit einzel- oder Doppelkoje ausgestattet werden. Das Trennschott zum Salon ist allerdings aufpreispflichtig.

Bugkabine: Kann mit Einzel- oder Doppelkoje ausgestattet werden. Stauraum ist jedoch Mangelware.



Mehr Platz gibt's in der Achterkajüte, in der eine große Doppelkoje quer zur Fahrtrichtung eingebaut ist. Beim Zugang an Steuerbord gibt’s Stehhöhe, während an Backbord der Fenderkasten etwas Platz wegnimmt. Mittschiffs im Salon steht der Esstisch zwischen den beiden seitlichen Sitzbänken. Das achtere Ende der Bank an Backbord ist gleichzeitig auch der Sitz für die Navi. Die ist zwar klein, aber sehr praktisch und für diese Schiffsgröße eigentlich fast schon ein Luxus.

Geräumig und quer: Die Doppelkoje unter dem Cockpit ist für zwei Erwachsene ausreichend dimensioniert

Geräumig und quer: Die Doppelkoje achtern unter dem Cockpit ist für zwei Erwachsene ausreichend dimensioniert.



Die L-förmige Kombüse gegenüber ist natürlich auch kompakt gehalten, aber gut sortiert mit dunklen Arbeitsflächen, die von Schlingerleisten eingefasst sind, mit zweiflammigem Kocher samt Backrohr und einem Kühlschrank. Kreative Küchenchefs werden hier ohne Probleme köstliche Mahlzeiten für ein langes Weekend zubereiten. Leider gibt’s nur ein kleines, rundes Spülbecken, dessen eckiger Umbau sich bei grobem Seegang schmerzbar bemerkbar machen könnte, sollte nämlich der Abgang von der ergonomisch gut gestalteten Niedergangstreppe misslingen.

Hell und für 31 Fuß auch geräumig: Der Salon der Hanse 315. Rechts die Spüle, links der Navigationsbereich

Hell und für 31 Fuß auch geräumig: Der Salon der Hanse 315. Rechts die Spüle, links der Navigationsbereich.


Palastartig für ein Neunmeterschiff ist dagegen der Nassraum mit der Dusche und einer Seetoilette. Durch die großzügigen Abmessungen (mehr als 1,80 m Stehhöhe) wird das Duschen an Bord nicht zum Verrenkungsakt, obwohl für längere Ausfahrten besonders in kühleren Gegenden ein Boiler zu empfehlen ist, der auch in der Zubehörliste steht.


Segelt fast von selbst
Bei unserem Test auf der Chesapeake-Bucht vor Annapolis spielte der Wind leider nur bedingt mit. Zumeist wehte er leicht und aus wechselnden Richtungen, mit stärkeren Böen zwischendurch. Dabei musste die kleine Hanse sowohl ihr Leichtwindpotenzial als auch ihre guten Manieren bei plötzlich einfallenden Windstößen unter Beweis stellen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Sie zog sich dabei äußerst gekonnt aus der Affäre. Sogar ohne Hand am Steuer zwischendurch (als Tester sollte man sich ja schließlich irgendwann Notizen machen), segelte sie einwandfrei durch kleinere Böen, ohne die geringste Tendenz anzuluven oder abzufallen.

Bei Wind ist die Hanse 315 mit Selbstwendefock gut besegelt. In Leichtwindrevieren empfiehlt sich dagegen die leicht überlappende Genua.

Bei Wind ist die Hanse 315 mit Selbstwendefock gut besegelt. Für Leichtwindreviere empfiehlt sich dagegen die leicht überlappende Genua.



Legte die Brise mal auf 10 Knoten zu, wobei der scheinbare Wind mit etwa 60 Grad einfiel, zeigte die Logge 5,8 Knoten. Auf einem tieferen Kurs (ca. 120 Grad Windeinfallswinkel) ging’s mit 5,3 Knoten etwas gemütlicher zur Sache, wobei die Selbstwendefock natürlich nicht das ideale Vorsegel war. Der Vorteil dabei: Sowohl Wenden als auch Halsen waren Manöver für Faulpelze, denn man musste wirklich nichts anderes tun, als bloß Ruder zu legen. Gut auch die Erreichbarkeit der Lewmar-Winschen, die sich auf beiden Seiten jeweils in Griffweite des Steuermanns befinden. Reffleine, Strecker und Fallen werden am Kajütdach zu einer Batterie von Hebelklemmen beiderseits des Niedergangs geführt.  Als der Volvo Diesel angeworfen wurde, lagen bei 3000 Umdrehungen knapp 7 Knoten Marschfahrt an. Bei nur etwa fünf Tonnen Verdrängung braucht die Hanse 315 auch nicht viele PS, was wiederum der Umwelt und der Brieftasche zugute kommt.

Attraktiv für verschiedene Nutzer
Dass die Greifswalder Großes gut können, haben sie hinlänglich bewiesen. Dass sie dabei auch weiterhin Kleines beherrschen, ist umso erfreulicher. Auch die Tatsache, dass sich die Werft gemeinsam mit dem renommierten Designbüro Judel / Vrolijk & Co. darum bemüht, mit ihren Booten Vielseitigkeit zu bieten und damit breitere Käuferschichten anzusprechen. Downsizer zum Beispiel, oder junge Ehepaare mit kleinen Kindern, die nicht nur ein einfaches Boot wollen, das ansprechend segelt, sondern auch die geringeren Gebühren für Liege- und Lagerplatz schätzen und die weniger aufwändige Wartung. Neueinsteigern mag dabei auch der Anschaffungspreis ins Auge fallen, den Hanse für die spartanische Basisversion bei sehr schlanken 71,000 Euro ansetzt, der sich in der Praxis mit ein paar Optionen aber eher um die 90,000 Euro bewegen dürfte.

Hanse 315 Layouts: Variabel ist nur die Gestaltung des Vorschiffsbereichs

Hanse 315 Layouts: Variabel ist nur die Gestaltung des Vorschiffsbereichs



Hanse 315 Spezifikationen
LüA: 9.62 m
Rumpflänge: 9.10 m
LWL: 8.70 m
Breite: 3.35 m
Tiefg. (std./seicht):1.85 m | 1.37 m
Verdr.: 4.7 t
Ballast (std./seicht): ca. 1.5 t /1,65 t
Segelfl.: 47.00 m²
Motor: Volvo Diesel 13 PS
Wasser: 230 l
Treibst.: 100 l
Fälkalien: 35 l
CE-Kategorie: A
Design: Judel / Vrolijk & Co
Preis segelfertig: ca. 76,000 Euro

Anzeige