Blitze über der See
Wo ist die verdammte Tonne geblieben? Gerade eben war sie noch querab an Backbord, keine zwei Bootslängen entfernt. Wir haben extra aufgestoppt, damit ich ein Foto machen kann. Doch als ich nur wenige Sekunden später mit gewechseltem Objektiv aus dem Schutz des Verdecks wieder hinausschaue, ist da nur noch Finsternis, kein rotes Blitzen mehr über dem aufgewühlten Wasser. Stattdessen trifft mich feine Gischt im Gesicht. Der Wind reißt sie von den kurzen Wellenkämmen, die sich mit aller Macht dem drängenden Ebbstrom entgegenstemmen. Das Boot muss sich bereits gedreht haben!

Rotlichtmilieu 1: Navigator mit Kopflampe, die im Rot-Modus nicht blendet. Foto: boote/Christian Tiedt

Rotlichtmilieu 1: Navigator mit Kopflampe, die im Rot-Modus nicht blendet. Foto: boote/Christian Tiedt



Am niedrigen Himmel steht ein orangener Schein. Das muss Cowes sein. Oder doch Southampton? Ein paar Augenblicke nur war ich nicht aufmerksam und habe schon die Orientierung verloren.

Wo ist die Tonne, vielleicht schon gefährlich nahe? Ich kann ihre hellen Glockenschläge hören, nur sehen kann ich sie nicht. Zum Glück bin ich der Einzige an Bord der "Rolling Swiss 2", der innerlich vom Kurs abgekommen ist: Skipper Marc weist am Verdeck vorbei nach Steuerbord. Und da bockt das rundliche Spierengerüst von "East Lepe" in der See, schon eine runde Kabellänge entfernt! Ein roter Blitz, dann noch einer, keine Frage. Natürlich hatten Steuermann Peter und Navigator Urs unsere Position die ganze Zeit im Blick. Doch ich merke mir sehr genau: Wer einmal nicht aufpasst...

Im März auf dem Solent
Die erste Lektion ist also gelernt – und das ist gut so. Schließlich sind wir deshalb hier, Anfang März in völliger Dunkelheit auf dem Solent, dem schmalen Meeresarm, der die Isle of Wight von der englischen Südküste trennt. Zu einer Zeit also, wenn die meisten Yachten noch an Land unter ihren Winterplanen schlummern und ihre Crews lieber zielsicher zu Fuß den nächsten Pub ansteuern.

"Solent Lights": Der Name ist Programm auf diesem Praxistörn. Vier Tage lang (beziehungsweise drei Nächte) steht die Navigation bei Nacht im Vordergrund.

Rotlicht Milieu 1: Fahrwassertonnen sind bei Nacht trotz Befeuerung oft schwer auszumachen. Foto: boote/Christian Tiedt

Rotlicht Milieu 2: Fahrwassertonnen sind bei Nacht trotz Befeuerung oft schwer auszumachen. Foto: boote/Christian Tiedt



Landfeste und schwimmende Seezeichen, befeuerte und unbefeuerte, Kennung und Wiederkehr, Sektoren und Richtlinien. Dazu kommen die anderen Fahrzeuge, Fähren, Frachter und Fischer, mit ihrer ständig wechselnden Geometrie aus Positionslichtern, rot, weiß und grün.

Durchgeführt wird die Fahrt vom Cruising Club der Schweiz, bei dem wir einmal mehr als Gäste mit an Bord sind. Zwar ist die vereinseigene Motoryacht "Rolling Swiss 2", eine seefeste Trader 42 mit rund dreizehn Metern Länge, mit jeder erdenklichen Elektronik voll ausgestattet (inklusive Plotter mit AIS- und Radaroverlay), auf dieser Reise wird aber old school navigiert werden, mit Kompass, Karte und Kursdreieck. Die moderne Technik soll höchstens als Rückversicherung im absoluten Zweifelsfall dienen.

Grau über dem River Hamble
Nur sechs Stunden vor unserer Begegnung mit der Fahrwassertonne "East Lepe" zwischen Wind und Strom, sitzen wir gemütlich um den Tisch im Salon der "RS2" herum. Der dampfende Darjeeling in den Bechern tut sein Bestes, um das schwere Grau draußen über dem River Hamble, den niedrigen Ufern und der Port Hamble Marina aufzuwärmen.

Murky nennt man dieses Wetter hier, noch eine Spur trostloser als trübe. In der chandlery steht der Verkaufsständer mit den dicken Handschuhen nicht von ungefähr direkt am Eingang.

Die Stimmung ist trotzdem erwartungsvoll gespannt. Denn mitten in unserer Runde sitzt Andy. Er kommt aus der Nähe, arbeitet als Trainer für Skipper und als Prüfer für die Royal Yachting Association. Keine Frage, dass er den Solent kennt wie seine eigene Badewanne.

Ein ganz spezielles Revier
Im Sommer zählen die geschützten Gewässer zwischen der Grafschaft Hampshire und der Isle of Wight zu den traditionsreichsten Wassersportrevieren weltweit. Die Cowes Week lockt im August jährlich hunderte von Segelyachten aller Klassen an, die sich dann in Regatten miteinander messen. Weiter im Inneren liegen die große Hafenstadt Southampton und die wichtige Marinebasis Portsmouth.

Dazu kommen gewundene Flussläufe, ausgediente Forts, viele, sehr viele, flache Stellen und noch die eine oder andere "regionale Spezialität".
So haben selbst die Gezeiten ihren eigenen Willen hier: Dem Ärmelkanal verdankt der Solent ein "doppeltes Hochwasser", das neun Stunden aufläuft. Da der Ebbstrom dagegen nur drei Stunden Zeit hat, fällt er umso stärker aus.

Wichtige Tipps vom Fachmann
Zwei Stunden lang gibt uns Andy jede Menge Tipps für die Route der nächsten Tage und zählt auf, worauf wir achten müssen: "Vorsicht mit unbefeuerten Tonnen, wenn die übrigen im Fahrwasser befeuert sind. Man schneidet dann schnell eine kritische Ecke und sitzt auf dem Schlick". Auch mit der Leuchtstärke sei das so eine Sache, erklärt er: "Manche Tonnen brennen heller als andere und wirken näher, obwohl sie weiter weg sind."

Angeleuchtet: Unbeleuchtetes Seezeichen westlich der Needles bei nacht. Foto: boote/Christian Tiedt

Angeleuchtet: Unbeleuchtetes Seezeichen westlich der Needles bei nacht. Foto: boote/Christian Tiedt



Für den späten Abend empfiehlt er uns den Hafen von Southampton: "Da wird heute ein neues Kreuzfahrtschiff getauft, die "Britannia".

„330 Meter lang, ein echter Gigant. Sogar die Queen kommt, und es gibt ein Feuerwerk." Wir können in der ersten Reihe dabei sein: "Sucht euch einen schönen Platz bei der Tonne ,Gymp Elbow‘, da habt ihr freie Sicht auf das Spektakel". Mit dem trockenen Nachsatz: "Wenn die Wolken aufreißen". Ein bisschen britischer Humor im Grau von Port Hamble.

Seeklar! Um 18:20 Uhr slippen wir die Leinen und richten den Bug flussabwärts. Der Angler auf dem Kopfsteg reibt sich seinen Bart angesichts der Schweizer Yacht, die mit brennenden Positionslichtern und dem ablaufenden Wasser in die einsetzende Dunkelheit hineinsteuert.

Auslaufen in die Nacht hinein
Im schwachen roten Schein seiner Stirnlampe sitzt Urs über den Kartentisch gebeugt, und ordnet dem bunten Blinken zu beiden Seiten der schmalen Rinne die jeweiligen Tonnen auf dem Papier zu, im Rücken den roten Sektor des Leitfeuers von Warsash auf dem Ostufer des River Hamble. Der Südquadrant "Hamble Point" schließlich markiert die Flussmündung, wir haben den Solent erreicht.

Lupenrein: Details auf der Seekarte lassen sich mit Vergrößerung besser lesen. Foto: boote/Christian Tiedt

Lupenrein: Details auf der Seekarte lassen sich mit Vergrößerung besser lesen. Foto: boote/Christian Tiedt



Es wird windiger, kälter und noch dunkler. Weit voraus hängt der Abglanz des beleuchteten Cowes an den Wolken.

Sobald sich die Augen an die Schwärze ringsum gewöhnt haben, tauchen auch dicht über der See immer mehr Lichtpunkte auf, mal schwach und zitternd, mal klar und durchdringend. Rot und grün für das Hauptfahrwasser von Calshot Reach, dem wir jetzt folgen, weiß für die Kardinalzeichen der Untiefen.

Ein funkelndes Dreieck aus Lichtern
Natürlich waren wir alle schon nachts auf dem Wasser unterwegs, aber ein unbekanntes Revier mit seinen Besonderheiten lässt die Sinne auf Hochtouren arbeiten. Besonders deshalb, weil es so wenig zu erfassen gibt und sich Geschwindigkeiten, Distanzen und die ganze räumliche Wahrnehmung aufzulösen scheinen. Voraus jetzt ein Fahrzeug auf Gegenkurs, stehende Peilung. Zunächst sehen wir nur Rot und Weiß, doch dann kommt Grün dazu und bildet mit den anderen Farben ein gefährlich funkelndes Dreieck. Kollisionskurs!

Wir weichen sicherheitshalber weiter nach Steuerbord aus. Eine gute Idee, denn der Andere scheint wirklich den kürzesten Weg zu nehmen.

Es ist eine Hochgeschwindigkeitsfähre auf dem Weg von Cowes nach Southampton, die bald darauf mit drönenden Jets, hell leuchtender Fensterreihe und steiler Heckwelle an uns vorbeischießt. Bei diesem lautstarken Auftritt ist das zusätzliche gelbe Funkellicht im Mast des Katamarans eigentlich fast überflüssig...

Schwerverkehr: Autofähren haben es eilig und zumeist auch Vorfahrt. Auf h´jeden Fall empfiehlt es sich, roßräumig auszuweichen! Foto: boote/Christian Tiedt

Schwerverkehr: Autofähren haben es eilig und zumeist auch Vorfahrt. Auf h´jeden Fall empfiehlt es sich, roßräumig auszuweichen! Foto: boote/Christian Tiedt



Die lieben Gewohnheiten
Das nächste "Fahrzeug", dem wir begegnen, verdient dagegen kaum diesen Namen: Vor Calshot Spit ist ein Feuerschiff in der Seekarte eingezeichnet. Im Kegel des Handscheinwerfers finden wir dann aber doch nur noch eine etwas größere rote Tonne vor; obwohl es sich also um ein einfaches Lateralzeichen handelt, hat man das weiße Licht des ehemaligen light vessel beibehalten – die Briten pflegen eben ein enges Verhältnis zu lieben Gewohnheiten.

Apropos britisch: An Steuerbord lauert jetzt die Bramble Bank im Dunkel, ein sehr flacher Keil aus Sand, der sogar hin und wieder trockenfällt.

Damit stellt die Untiefe nicht nur das hartnäckigste Schifffahrtshindernis im mittleren Solent dar, sondern gleichzeitig einen der seltsamsten Sportplätze der Welt: Einmal im Jahr treffen sich den Mannschaften der Segelclubs von Cowes und Hamble hier zum Cricket – selbst dann, wenn es mit dem Trockenfallen nicht ganz so klappt und die Spieler bis zu den Knien in den Wellen stehen...

Feuerwerk zum Abschluss
Unsere Kurslinie zieht sich als feiner Bleistiftstrich weiter bis nach "East Lepe", meiner "verlorenen" Tonne. Dann wenden wir und folgen unserem eigenen Kielwasser zurück nach Norden und weiter in das Southampton Water. Schließlich haben wir noch eine Audienz bei der Königin!

Rieseneimer: Die frisch getaufte Britannia geht auf Jungfernfahrt. Foto: boote/Christian Tiedt

Rieseneimer: Die frisch getaufte Britannia geht auf Jungfernfahrt. Foto: boote/Christian Tiedt



Deren Krone können wir auf der Tribüne am Ocean Dock dann zwar nicht ausmachen, die "Britannia" selbst ist unter einem Dom aus roten und blauen Laserstrahlen aber nicht zu übersehen.

Und als unsere "Rolling" ihren exklusiven Zuschauerplatz bei der Tonne "Gymp Elbow" einnimmt, keine halbe Seemeile von dem Kreuzfahrtriesen entfernt, geschieht doch noch das Wunder: die Wolken reißen auf. Und so endet diese Nacht, die so finster begann, mit einem Feuerwerk aus Farben am Himmel über Southampton.

Dieser Artikel erscheint mit freundlicher Genehmigung von Logo Boote, Europas größtem Motorboot-Magazin.

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