In den vergangenen Jahren haben wir bei Motorbooten tolle Tangenten und erfrischend andere Konstruktionen vorgesetzt bekommen, doch nicht alles davon war bzw. ist unbedingt nützlich oder gut. Wie beispielsweise der hohlwangige und gelenkige Bug der Nimue 490, der geradezu konterproduktiv wirkt, wie auch die verschiedenen U-Boot-Konzepte, die das Anlegen von Taucherausrüstung erforderlich machen. Ich persönlich habe mal ein Boot getestet, das auf der üppig-auffälligen Karosserie des Lamborghini Countach beruhte, was mich auch von meiner kindlichen Faszination mit diesem Auto heilte. Und ich wurde dazu gezwungen, endlos viele, endlos laute und schwerfällige Hovercrafts zu fahren, die vor allem eines eines gut konnten: Mir die Augen aus den Höhlen zu blasen. Doch glücklicherweise haben manche Design-Ideen höhere Meriten.




Zu Wasser und am Land: Sealegs sehr gute Umsetzung der Idee für ein amphibisches Schlauchboot.

Zu Wasser und am Land: Sealegs sehr gute Umsetzung der Idee für ein amphibisches Schlauchboot.

Anzeige


Akribisch amphibisch
Einfach Räder unten an ein Boot zu dengeln jagt jedem Puristen kalte Schauer über den Rücken. Aber wenn’s so gut gemacht wird wie von Sealegs, der bekannten neuseeländischen Werft, die dem RIB das Laufen lehrte, eröffnen sich völlig neue Perspektiven. Klar, es gibt viele Variationen zum Thema, doch das Sealegs-System ist den meisten einen Schritt voraus mit drei Rädern (eines am Bug, zwei am Heckspiegel), die mittels eines an Bord befindlichen Honda-Motors hydraulisch bewegt werden. Verglichen mit einem gewöhnlichen RIB gleicher Größe kostet das natürlich ein kleines Vermögen, aber es ist gut konstruiert und technisch sauber umgesetzt. Wer sich also der Kompromisse entledigen möchte, die man mit normalen Booten beim Landfall eingehen muss, sollte sich die Sache näher ansehen. Schon alleine die Möglichkeit, per Boot zu seinem Lieblingsrestaurant zu fahren und es dann aber am Parkplatz statt am Dingidock abzustellen, bringt unendlich viele Bonuspunkte beim Coolheitsfaktor.




Ausfahrbare und von Auftriebskörpern unterstützte Bordwände vergrößern den Deckbereich der Wider.

Ausfahrbare und von Auftriebskörpern unterstützte Bordwände vergrößern den Deckbereich der Wider.


Ausklappbare Seitendecks
Schmale Rümpfe haben unterwegs ihre Vorzüge, doch wenn’s ums Ankern und die Party geht, sind sie weniger ideal. Beengt durch den eingeschränkten Innenraum, wünscht man sich da schon mal, in eine der breiten und offenen Plattformen eines Katamarans investiert zu haben. Doch wie wäre es mit einem Monohull, der vor Anker seine Decksflächen zur Seite hin vergrößern könnte? Man glaubt es kaum, aber das ist mittlerweile nicht mehr ungewöhnlich. Es ist ein bisschen wie bei amerikanischen Wohnmobilen, in denen man das Schlafzimmer seitlich ausdehnen kann. Sehen Sie sich ein paar Boote von Continental oder Explosion an, oder die vorzügliche Lösung von Wider mit integrierten Auftriebskörpern, die nicht nur für mehr Platz sorgt, sondern auch für größere Stabilität. Bedenkt man das geringfügige Mehr an Gewicht, Kosten und Komplexität, sind ausklappbare Seitendecks ein sehr effektiver Aktivposten für Freizeitboote.




Unterflurkoje im Heck: Kein Palast, aber ein adäquater Schlafplatz für zwei. Foto: Dieter Wanke

Unterflurkoje im Heck: Kein Palast, aber ein adäquater Schlafplatz für zwei auf der Axopar 28 AC. Foto: Dieter Wanke


Versteckte Achterkajüte
Ich mag Achterkabinen, vorausgesetzt, sie sind auch gut konstruiert und ausgeführt. Sie vereinen echte Privatsphäre, große Platzreserven und oft auch einen Panoramablick, also alles das man auch mit einem Brecheisen nicht mittschiffs oder vorn im Bug installieren könnte. Was mir dabei am meisten gefällt, ist die Unsichtbarkeit: Man merkt gar nicht, dass es diesen Ort überhaupt gibt. Besonders die Skandinavier beherrschen diesen Trick, mit Werften wie Sargo oder neuerdings auch Axopar (lesen Sie dazu unseren Test der Axopar 28 AC), die unter den kommunalen Sitzgelegenheiten verborgene Schlummerplätze installieren, die ihre Gäste sehr schätzen werden. In der Tat: Auf kompakten Außenborderbooten wie der Flipper 880 ST, kann die Überraschungskajüte achtern so gut gemacht sein, dass man sich fragt, warum das eigentlich nicht von allen Konstrukteuren geboten wird.




Kleiner aber feiner: Skydeck-Obergeschoß auf der Galeon 430

Kleiner aber feiner: Skydeck-Obergeschoß auf der Galeon 430


Abgesenkte Flybridge
Die Idee gehört der Marke nicht exklusiv, doch das Skydeck-Konzept von Galeon ist ein schickes Beispiel für die Möglichkeiten, die sich eröffnen, wenn das Oberdeck etwas nach achtern und tiefer gelegt wird. Man erhält dadurch nicht nur eine attraktivere Linienführung, sondern auch weniger Windwiderstand, geringeres Gewicht, bessere Fahrleistungen und die Gelegenheit, durch das Sonnendach mehr natürliches Licht in den darunterliegenden Salon strömen zu lassen.  Die Kehrseite gibt’s natürlich auch: Weniger Fläche am Oberdeck. Doch solange sich dort ein zweiter Steuerstand, eine Essgelegenheit und eine Sonnenliege unterbringen lassen, ist es den Preis allemal wert.




Drehbares Vergnügen: Die gesamte Sitzgruppe am Achterdeck rotiert für wechselnde Aussicht. Drehbares Vergnügen: Die gesamte Sitzgruppe am Achterdeck rotiert für wechselnde Aussicht.

Drehbares Vergnügen: Die gesamte Sitzgruppe am Achterdeck der Galeon 500 Fly rotiert für wechselnde Aussicht. Achten Sie bitte auch auf die Balkonbar an Backbord.


Drehbares Mobiliar
Das ist für mich jedenfalls eine geniale Idee, denn damit kann man den jeweils besten Winkel zum gemütlichen Sitzen, Essen oder Sonnenbaden finden, entweder um die Aussicht, oder die Sonne oder ein gutes Gespräch mit den Gästen im Salon zu genießen. Viele Werften ziehen dieses Feature in Betracht, doch damit werden die Konstruktion auch komplizierter weil man für integrierte Elemente, wie zum Beispiel eine Freiluftgalley oder eine Wetbar, drehbare Anschlüsse für Strom oder Wasser benötigt. Technische Probleme mal beiseite, die Nützlichkeit der Idee ist erwiesen. Sehen Sie dazu unser Video über die Galeon 500 Fly.


Aquanaut


Pop-Up Oberdeck
Das Problem mit einer Art „Krähennest” am Oberdeck ist die prohibitive Durchfahrtshöhe, vor allem wenn man gerne an Kanälen langschippert. Wie wär’s deshalb mit einem Deckel, der sich auf Knopfdruck einfach und schnell anheben lässt, wenn einem der Sinn nach Unterhaltung in luftiger Höhe steht und ebenso schnell wieder eingezogen werden kann, wenn die nächste Brückendurchfahrt voraus liegt? Ein schönes Beispiel dafür liefert die Aquanaut Andante, ein Fahrtenschiff für Binnengewässer, das aus Holland stammt. Das Ergebnis überzeugt: Viel Platz, große Vielseitigkeit und durch die geringere Durchfahrtshöhe auch keine Einschränkungen bei der Routenwahl.




Platz da: Verstaubare Galley auf der Brioni 44

Platz da: Verstaubare Galley auf der Brioni 44


Magic Galley
Wenn sie also tüchtig investiert haben in einen schwimmende Palast, der sowohl Dekadenz bietet als auch Erholung, sollten Sie sich auch gegen die Invasion der Banalitäten einer Seereise gewappnet sein. Auf großen und luxuriösen Yachten haust die Crew in einem dunklen Eck der Bordwaschküche und es gibt Leute, die finden, dies wäre auch der geeignete Platz für die Kombüse. Die beste Lösung dafür jedoch haben wir auf dem slowenischen Express-Kreuzer Brioni 44 erspäht. Trotz der schnittigen Linien eines italienischen Vollbluts, verschlägt es einem den Atem wenn man der Menge und Maße des Geräts gewahr wird, das sich unter dem backbordseitigen Gangbord stauen lässt. Sobald der Tisch mit heißen Happen und coolen Drinks gedeckt ist, verschwindet das Galleymodul im Handumdrehen wieder in seinem dunklen Parkplatz. Schafft Platz für die Party und ist ultra-cool. Doch wie soll’s bei dem Preiszettel auch anders sein?




Reversysboat context

Reversys-Konzept: Er schnorchelt und sie sonnt sich auf der Unterseite des Dachs, das per Knopfdruck nach vorne klappt und so auch das Cockpit deckelt.


Mehzweckdach
Moderne Konstrukteure scheinen besessen von einem fließenden Übergang vom offenen Runabout zum geschlossenen Cockpit. Für Frischluftfanatiker gibt's ja schon zahlreiche Coupes mit großen Schiebedächern, doch der aktuelle Trend geht zum abnehmbaren oder eigentlich: umkehrbaren Dach, das auch andere Funktionen erfüllt. Das Konzept von Reversys sieht ein Dach vor, das sich auf Knopfdruck nach hinten klappen und invertieren lässt, womit die weiche Unterseite zur Sonnenliege. Doch das ist längst nicht alles. Die zweiteilige Struktur gestattet nicht nur offen rum zu düsen wie mit einem Runabout oder geschlossen um dem Wetter ein Schnippchen zu schlagen, sondern sie ermöglicht auch ein halb offenes Sedan-Layout. Derzeit ist das alles erst eine Designstudie, die noch nicht gebaut wurde, doch wie unser Video der Riva 88 Florida zeigt, wird die Idee des Mehrzweckdachs bereits ansatzweise verwirklicht - wenn auch noch nicht so perfekt, wie es denn sein könnte.

Anzeige