Was Bootswerften angeht, ist J Boats nicht gerade dafür bekannt, gerne Extremschläge zu segeln. Stattdessen konzentriert sich die bekannte US-Werft auf Performance-Boote mit recht schmalen und schlüpfrigen Rümpfen, die nicht auf Raummaximierung innen, sondern auf zügiges Segeln ausgerichtet sind. Man weiß, wer man ist, man weiß, was man kann. Und der Erfolg gibt J Boats recht: Alleine das Kultmodell J/24 wurde über 6000 Mal gebaut und erfreut sich auch nach 35 Jahren noch regen Zuspruchs.




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Rank und schlank und elektrisch: J/88 Oceanvolt mit Solar-Großsegel. Foto: J Boats/Cate Brown


Wenn eine derartige Traditionswerft also neue Pfade beschreitet, nimmt man davon Notiz. So geschehen bei der diesjährigen Newport International Boatshow an der US Ostküste, wo J Boats die J/88, von der seit 2013 etwa 80 Einheiten gebaut wurden, mit einem elektrischen Antriebssystem vorstellte, das von der finnischen Firma Oceanvolt entwickelt und integriert wurde und das die Kraft aus drei Stromquellen bezieht: aus sechs Dünnschicht-Solarmodulen im Großsegel von der französischen Firma SolarClothSystem; aus acht rigiden Modulen am Stoffbimini, der im Hafen einfach übers Cockpit gespannt wird; und aus der Regeneration, bei der Ladestrom durch den Faltpropeller des Saildrives erzeugt wird, der im Leerlauf beim Segeln unter dem Rumpf mit dreht und so zu einer Art Schlepp- oder Hydrogenerator wird.




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Zusätzlich Saft aus der Sonne: Bimini mit Solarmodulen, der sich einfach über den Großbaum spannen lässt. Foto: J Boats/Cate Brown


Nach der Messe bat J Boats zur Testfahrt des 8,90 Meter langen und eher sportlich-einfach gehaltenen Racer/Cruisers,  und hoffte insgeheim auf leichten Wind, um auch den neuen Antrieb demonstrieren zu können. Mit von der Partie war Ard Van Leeuwen aus Toronto, ein pensionierter Softwareunternehmer, der erst vor zwei Jahren mit dem Segeln begonnen hatte und sich dafür eine gebrauchte Catalina Capri mit Elektroaußenborder anschaffte, mit der er am Ontariosee segelt. „Ich Interessierte mich für ein Boot in der Größenordnung von 9-Metern, das eher sportlich segelt”, erzählte van Leeuwen, der auch Recherchen über elektrische Antriebssysteme anstellte, bei denen sich die Lösung von Oceanvolt „sehr rasch als führender Kandidat etablierte”. Die Ankündigung von J Boats, die J/88 ab sofort mit Oceanvolt-Antrieb anzubieten, kam Van Leeuwen also sehr gelegen.


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Die Sonne schien wie bestellt, doch mit wenig Wind war nichts: Es wehte zünftig aus nördlicher Richtung, sodass gleich mal ein Reff ins Solar-Großsegel eingebunden werden musste, noch bevor der Slalom durch das Bojenfeld im Hafen begann. Erst als ein ankerndes Kreuzfahrtschiff achteraus blieb, wurde dichtgeholt. Sofort klickten die Zahlen der Logge nach oben und das Boot galoppierte munter über die Narragansett Bay.

Das bagstaglose Rigg und die nicht überlappende Selbstwendefock, die für J Boats völlig ungewohnt ist, waren ideal für die herrschenden Bedingungen, bei denen sich das sportliche Boot spürbar wohl fühlte. Das Vorsegel war zwar einen Tick zu bauchig, weil die Schot etwas zu hoch und zu weit vorne angeschlagen war, doch die J steckte dies mit Gleichmut weg. „Zwischendurch notierten wir 7,5 Knoten Geschwindigkeit auf der Kreuz bei Kabbelwasser”, zeigte sich Van Leeuwen hinterher beeindruckt. ”Ich glaube, ich bin noch nie so hoch am Wind gesegelt, wobei die J/88 beruhigend gut austariert und zumeist mit dem kleinen Finger zu steuern war”.




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Die Systemanzeige von Victron unter Deck gibt Auskunft über den Ladestrom und verfügbare Batteriekapazität. Foto: boats.com/Dieter Loibner


Aber es ging ja irgendwie auch um das Oceanvolt-System, besonders um das regenerative Laden der Batterie und das kam erst mal nicht recht in die Gänge.  “Wir haben zu viel Strom in der Batterie”, brummte Stuart Johnstone, aus der berühmten Familie von Konstrukteuren und Bootsbauern. Als Marketingchef von J Boats begleitete er den Test und war natürlich darauf erpicht, die Hydrogeneration als Alleinstellungsmerkmal vorzuführen. Nach einigem Scrollen durch die Menüpunkte der Systemanzeige unter Deck war die Lösung gefunden: Erst wenn die Batterien unter 95 Prozent sind, schaltet sich der Regenerationsmodus zu. Deshalb musste Johnstone ironischerweise trotz strammer Brise den 6-KW-Oceanvolt-Motor zuschalten, um den vier Lithium-Eisen-Phosphatbatterien etwas Saft zu entnehmen. Die Zellen haben eine Gesamtkapazität von 7,1 KW, die laut Werk bei 5 Knoten Marschfahrt für eine Reichweite von 20 Seemeilen reichen sollen. Nach ca. 10 Minuten „Motorsegeln” war es dann soweit, die Maschine wurde abgestellt und sofort drehte der Propeller des Saildrives leise hörbar im Leerlauf mit, um den eben verbrauchten Strom der Batterie wieder zuzuführen. Der Beweis dafür war am kleinen, bei Sonnenlicht leider kaum lesbaren Schirm neben dem Gashebel im Cockpit zu sehen: Ein kleines Propellersymbol und der Ladezustand der Batterie.




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Bei Sonneneinstrahlung schwer lesbar: Die Anzeige im Cockpit, die über die Energierückgewinnung durch regeneratives Laden informiert. Foto: boats.com/Dieter Loibner


“Ein effizienter Rumpf, der auch bei weniger Wind noch gut läuft, hilft bei der Regeneration”, erklärte Johnstone. “Wichtig ist auch die axiale Konstruktion des Motors, der speziell dafür optimiert wurde, was die meisten anderen handeslüblichen Elektroantriebe nicht unbedingt von sich behaupten können”. Die Antwort auf die Frage, wie viel Strom sich so generieren lässt, beruht derzeit noch auf Berechnungen, nicht auf praktischen Werten. Doch Johnstone schätzt, dass die Regeneration bei 5 Knoten 300 bis 400 Watt pro Stunde bringt, bei 8.5 bis 9 Knoten gar 1 KW. Das von UK Sails gefertigte Solar-Groß war noch nicht angeschlossen, somit ließ sich die Ladeleistung der Dünnschicht-Module nicht feststellen. Laut Werft soll diese aber bei etwa 75 Watt pro verlegtem Quadratmeter liegen, während der Solarbimini bei idealer Sonneneinstrahlung bis zu 650 Watt beisteuern soll.




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Ard Van Leeuwen, der zum Test aus Kanada angereist war, flankiert von J Boats Marketingchef Stu Johnstone (r.) und Ned Jones.


„Ich finde die Installation des Oceanvolt-Motors platzsparend, sauber, leicht und gut zugänglich ausgeführt”, erklärte Van Leeuwen nach der Ausfahrt. „Er arbeitet zwar nicht geräuschlos, ist aber deutlich leiser als ein Diesel, dazu noch wartungsärmer und verlässlicher”. Elektroantriebe seien noch relatives Neuland für die meisten Bootskäufer, sagte der Kanadier. Er habe nach einigen Anfragen bei verschiedenen Anbietern den Eindruck gewonnen, dass Werften und Händler dieser Technologie entweder mit Skepsis oder Desinteresse gegenüberstünden. Ist es die Reichweite, die zu denken gibt? „Mit den verschiedenen Ladeoptionen wie Landanschluss, Solarmodulen im Segel und Bimini und Hydrogeneration ist die Stromversorgung für mich kein Thema”. Wer absolut sicher gehen möchte, so van Leeuwen, kann ja einen tragbaren Dieselgenerator an Bord nehmen.




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Die J/88 hat ein einfaches aber funktionales Layout, wobei der Oceanvolt-Antrieb unter dem Cockpit von beiden Seiten gut zugänglich ist.


Doch dies scheint auf der J/88 wenig sinnvoll, denn zumindest das Testboot, das mit V-Koje und Seetoilette im Vorschiff fürs Fahrtensegeln ausgelegt war, hatte keine Stromfresser an Bord, die die Ladekapazität in irgendeiner Form in Bedrängnis bringen konnten. Und zu motoren gab es bei dem guten Wind auch nicht viel, deshalb war die Batterie auch schon wieder zu mehr als 95 Prozent voll, als Johnstone das Boot nach dem Segelbergen langsam zu seiner Muring vor dem berühmten New York Yachtclub steuerte. “Es muss alles einfach sein und leicht zu handhaben, damit das Boot auch genutzt wird”, sagte er, bevor er die Crew ermutigte, das Laminatsegel mitsamt den Solarmodulen wie gewohnt am Großbaum aufzutuchen, was auch völlig ohne Drama vonstatten ging.




P9211297 Auch mit Reff noch in der Sonne: Das Laminatsegel von UK Sails und die Module von Power Sail. Foto: boats.com/Dieter Loibner

Auch mit Reff noch in der Sonne: Das Laminatsegel von UK Sails und die Module von Power Sail. Foto: boats.com/Dieter Loibner


Man muss nicht bis über beide Ohren Feind von CO2-Emissionen sein, um an der Oceanvolt-Option Gefallen zu finden. Auch Regattasegler könnte das Paket interessieren, denn, so verlautet J Boats, es bringt auch eine Gewichtsersparnis von fast 70 Kilo gegenüber der Ausstattung mit einem 14-PS Diesel. Der Wermutstropfen ist allerdings der Aufpreis, der ungefähr 20,000 US-Dollar beträgt und noch steigen kann, wenn man zum Beispiel eine höhere Batteriekapazität wünscht. Am Schluss, so ließ Ard Van Leeuwen durchblicken, ging es bei seiner Kaufentscheidung trotz aller Technik doch wieder um das Fundamentale: „Was für mich den Ausschlag gegenüber dem Mitbewerb gab, war der Umstand, dass die J/88 einfach ein viel besseres Segelboot ist”.


Spezifikationen J/88 Oceanvolt

  • LüA: 8,90 m

  • LWL : 8,18 m

  • Breite: 2,90 m

  • Tiefg.: 1,98 m

  • Verdr.: 2,2 t

  • Motor: Oceanvolt SD6 6KW mit Saildrive (Systemkomponenten s.u.)

  • Batterien: Lithium-Eisen-Mangan (7,1 KW)

  • Reichweite: ca. 20 sm (laut Werft)

  • Segelfl.: (100%): 41 qm

  • Preis: ca. 175,000 USD

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Komponenten des Oceanvolt-Systems Systems

  • Motor: Oceanvolt SD 6 (6 KW, 48V DC),

  • Batterien: 4 LiFeMgPo Batterien mit einer Gesamtkapazität von 7.1 KW

  • Victron Ladegerät, Wechselrichter und Software

  • Bimini: 8 starre Sunbeam Solar Module mit ca.  je 80 W Kapazität

  • Großsegel: UK Laminatsegel mit 6 Dünnfilm-Modulen von SolarColothSystem (ca. 75 Watt pro Modul)

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