Aufmerksame Messebesucher werden es schon registriert haben: Gut gebaute Freizeitboote kommen vermehrt aus der Türkei. Eine der Werften, die diesen Trend etablierten, ist Sirena Marine, die etwa zwei Autostunden südlich von Istanbul am Marmara-Meer zuhause ist. Dort werden unter anderem Azimut Motoryachten und die luxuriösen Fahrtenschiffe der Marke Euphoria gefertigt, für deren Konstruktion German Frers verantwortlich zeichnet.




Handschrift Rob Humphreys: Die Azuree 46 segelt so gut wie sie aussieht und ist dabei weit weniger auffällig als die kleineren Modelle der türkischen Werft.

Handschrift Rob Humphreys: Die Azuree 46 segelt so gut wie sie aussieht und ist dabei weit weniger auffällig als die kleineren Modelle der türkischen Werft.

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Einen Tick weniger exklusiv ist die Azuree-Baureihe, deren aktuell größtes Exponat, die Azuree 46, wir in diesem Test vorstellen. Es ist das dritte Boot der Serie, dem ein 33- und ein 40-Füßer vorausgegangen waren, beides relativ radikal gestaltete Boote, die vom italienischen Konstrukteur Giovanni Ceccarelli gezeichnet wurden. Mit der 46er beauftragten die Türken den Engländer Rob Humphreys, der ein deutlich konventionelleres Schiff ablieferte. Im ersten Jahr wurden von der Azuree 46 zehn Exemplare gebaut, was von einer erfolgreichen Einführung im Marktsegment der anspruchsvollen Performance-Cruiser zeugt, in dem unter anderem auch Elan 450, Grand Soleil 47 und Italia 13.98 um die Gunst der Kunden buhlen.




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Modern, aber nicht extrem ist die Linienfürhrung der Azuree 46, hier mit dem Performance-Paket, das Bugspriet, Kohlefaserspieren und Laminatsegel enthält.


Schon der erste Anblick der Yacht verrät die Absicht, die Werft und Designer damit verfolgen: Man möchte dem Kunden ein solide verarbeitetes Schiff bieten, das viel Komfort und Platz bietet und dabei auch das sportliche Segeln nicht zu kurz kommen lässt. Die von Humphreys gezeichneten Linien mit Kimmkanten achtern, gelten heute als gemäßigt. Die maximale Breite des Bootes liegt klar vor dem Heck, das dennoch gut Platz hat für Rudergänger und Trimmer und zwei Steuerstände. Im Segelbetrieb ist die elektrisch bewegte Schwimmplattform mit integrierter Badeleiter hochgeklappt, das Cockpit somit nach achtern geschlossen. In abgeklapptem Zustand reicht die Plattform über die gesamte Schiffsbreite womit auch die Plicht nach achtern erweitert wird. Ungewöhnlich aber praktisch für den ruhenden Betrieb sind die beiden Sitzduchten, die sich mit wenigen Handgriffen in bequeme Sonnenliegen verwandeln lassen. Fender, Leinen und sonstiges Zubehör finden indes in zwei demontierbaren Boxen achtern Platz, bzw. im Stauraum unter dem Cockpitboden.




Cockpit-Lounge: Mit wenigen Handgriffen verwandeln sich die Sitzduchten in gepolsterte Sonnenliegen, ideal fürs faule Lümmeln am Anker. Foto: Dieter Loibner

Cockpit-Lounge: Mit wenigen Handgriffen verwandeln sich die Sitzduchten in gepolsterte Sonnenliegen, ideal fürs faule Lümmeln am Anker. Foto: Dieter Loibner


Die Sicht der Crew nach vorne ist gut, besonders, wenn die Spritzkappe in die dafür vorgesehene Vertiefung weggeklappt wird. Auch die Ergonomie am Steuerstand lässt wenig Wünsche offen. Man sitzt kommod auf den besagten Stauboxen (am Testboot versteckte sich darin an Steuerbord ein Kühlfach) oder vor dem Rad am Süll. Da das Großsegel im Stil der deutschen Admirals Cupper geschotet ist, kann es vom Steuer aus mit der äußeren Winsch getrimmt werden. Das ist praktisch und ergonomisch einwandfrei, doch die weiter in Schiffsmitte montierte Genuawinsch ist außer Reichweite. Der Vorsegeltrimm muss deshalb in Lee erfolgen, wofür im Regelfall Assistenz nötig ist. Doch der Arbeitsbedarf dafür war am Testboot überschaubar, weil es mit elektrischen Winden ausgestattet war, die auf dieser Yacht gut Sinn machen, vor allem wenn wenig Helfer an Bord sind. Von Hand bedient werden muss allerdings der im Cockpitboden versenkte Automatik-Traveller der Marke Harken, der das Aufholen des Wagens nach Luv erleichtert.




Fast alles im Griff: Der Rudergänger sitzt uf der Azuree 46 vor dem Rad und kann von dort das Großsegel selbst trimmen. Foto: Dieter Loibner

Fast alles im Griff: Der Rudergänger sitzt vor dem Rad und kann von dort das Großsegel selbst trimmen. Foto: Dieter Loibner


Penibel verlegt sind Strecker und Fallen, die teils unter dem Kajütdach verlaufen, aber beidseits des Niederganges ganz traditionell mit Hebelklemmen arretiert werden. Vorn am Mast geht die gute Ordnung weiter, mit Umlenkrollen, die für reibungslosen Lauf sorgen. Praktisch auch die manuell verstellbaren Schotholepunkte, die es gestatten, das Vorsegel auch dann noch vernünftig zu trimmen, wenn es teilweise weggerrollt ist. Am Vordeck der Azuree 46 herrscht wohltuende Ordnung, weil einerseits die elektische Ankerwinsch samt Bedienungselementen im Ankerkasten untergebracht ist und das Grundeisen selbst unter dem fixen Kohlefaserrüssel sein Plätzchen hat. Nettes und überaus stilvolles Detail sind die klappbaren Belegklampen für die Festmacher, die einem Schiff dieser Klasse gut stehen.




Gut & gucci: Die Flügelklemmen, die unterwegs einfach zugeklappt werden, womit nichts mehr unbeabsichtigt hängen bleiben kann. Foto: Dieter Loibner

Gucci und gut: Die Flügelklemmen, die unterwegs einfach zugeklappt werden, womit nichts mehr unbeabsichtigt hängen bleiben kann. Foto: Dieter Loibner


Für den auf dem Kiel stehenden Mast stehen je nach Ambition und Kasse sowohl Alu als auch Kohlefaser zur Wahl. Zweiteres ist Teil des Performance-Pakets, das auch Laminatsegel (z.B. NorLam von North), Rodrigg und den erwähnten Bugspriet inkludiert. In jedem Fall werden zwei Salingpaare für die Verspreizung der Wanten verwendet, die oben knapp unter dem Topp angeschlagen sind und am Deck an außenliegenden Püttingen angreifen, wodurch die Kräfte in die Vertärkungen des Rumpfes eingeleitet werden. Das Schiff wird übrigens im Infusionsverfahren unter der Verwendung von Vinylester-Harz gefertigt, ein guter Kompromiss zwischen Gewichts- und Kostenersparnis. Die Fahrleistungen sind gut, was nicht überraschen darf, denn das Schiff weist bei nur 11 Tonnen Leergewicht lam Wind mit 124 m2 ziemlich viel Segelfläche auf.




Alles unter einer Haube: Ankerkasten, Winsch und Bedienung. Foto: Dieter Loibner

Alles unter einer Haube: Ankerkasten, Winsch und Bedienung. Foto: Dieter Loibner


Ein weiterer Vorteil der außenliegenden Wanten sind die engeren Schotwinkel für die mit 108 Prozent nur geringfügig überlappende Genua, mit der die Azuree bei Flachwasser und etwa 12-15 Knoten Wind auf der Kreuz gleich ordentlich loslegt. Es herrschte zwar leichter Schiebestrom, aber bei den 8 Knoten, die von der Logge angezeigt wurden, musste nichts dazugeschmeichelt werden, wie auch nicht beim Wendewinkel, der um die 85 Grad betrug. Das sind solide Werte, besonders wenn man bedenkt, dass die Testcrew nur aus zwei Mann bestand und dabei null Kilo auf der hohen Kante saßen. Bergab war mit der Standardbesegelung dann weit weniger Musik im Kahn, doch das ließe sich mit ein paar Helfern und der entsprechenden Besegelung natürlich sehr schnell ändern.




Willkommen im Salon: Gut verarbeitet und modern, aber nicht über-drüber gestylt. So präsentiert sich die Azuree 46 unter Deck. Foto: Dieter Loibner

Willkommen im Salon: Gut verarbeitet und modern, aber nicht über-drüber gestylt: So präsentiert sich die Azuree 46 unter Deck. Foto: Dieter Loibner


Unter Deck bietet die Azuree ein freundliches Ambiente, das über eine ergonomisch richtig gestaltete Niedergangstreppe gut zugänglich ist. Der rutschfeste Belag und die seitlich hochgezogenen Trittflächen vermitteln bei Schietwetter Sicherheit beim Abtauchen in den Salon. Praktisch und sicher auch die Handläufe am Kajütdach und am Mobiliar, des standarmäßig in Eiche furniert ist. Dabei ist zu bemerken, dass der Innenausbau auf einem gesonderten Raster liegt, der über der GFK-Bodengruppe verlegt ist und deshalb bei starkem Seegang von den Verwindungen des Rumpfes deutlich besser isoliert sein sollte.



An Backbord gibt’s eine große, in L-Form angeordnete Kombüse mit ausreichend Stauraum für Pütt un Pann, an die sich die Salonsitzgruppe anschließt, die sechs Erwachsenen rund um den großen und faltbaren Tisch bequem Platz bietet. Gegenüber der Bordküche liebt die hintere Nasszelle, an die sich im Salon der Navi-Bereich anschließt mit Schaltkasten und Kommunikationselektronik. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, dass die Werft nicht nur beim Laminat und der Einrichtung sauber arbeitet, sondern auch beim Verlegen der Kabel bzw. deren Verbindungen. Der leider sehr kleine und nur mäßig praktische Navi-Tisch lässt sich bei Nichtgebrauch clever absenken und schafft damit Platz für Einlegepolster, die die Couch in eine Koje verwandeln.




Eigners reich: Bugkajüte mit großer Doppelkoje und eigenem Nassraum. Foto: Dieter Loibner

Eigners Reich: Bugkajüte mit großer Doppelkoje und eigenem Nassraum. Foto: Dieter Loibner


Sirena Marine bietet die Azuree 46 wahlweise mit drei oder vier Kabinen an, wobei im Test die Dreikajütenversion vorgeführt wurde, mit schön ausgeführter Eignerkammer im Bug, die auch mit einem eigenen Nassraum ausgestattet ist, in dem die Bereiche für Dusche und WC per Lexantür separiert werden. Durchdachtes Detail: Im ausfahrbaren Schreibtischchen iim Schlafgemach ist ein aufklappbarer Kosmetikspiegel eingebaut.
Die beiden Achterkajüten weisen zwar über 1,90 m Stehhöhe auf, doch die 2,10 m langen Kojen sind nur 1,30 m breit, deutlich zu wenig für die bequeme Nachtruhe von zwei Erwachsenen. Sollte wider Erwarten in der Galley ein Feuer ausbrechen, das den Weg zum Niedergang versperrt, können sich die Bewohner der Backbordkajüte über eine in die Decksluke integrierte Gurtleiter in Sicherheit bringen.




Das Dreikajütenlayout, das auf der Azuree 46 Standard ist.

Das Dreikajütenlayout, das auf der Azuree 46 Standard ist.


Apropos Feuer: Ebenfalls sauber gemacht sind Schall- und Brandisolierung im Motorraum, der hinter der Niedergangstreppe liegt. Dies ist der Dienstbereich des 55 PS staken Volvo Penta Diesels und der ist für routinemäßige Wartungsarbeiten wie Ölstandkontrolle oder Kraftstofffilterwechsel gut zugänglich. Auf dem Testboot war zudem auch ein Mastervolt-8KW-Generator installiert, der die Batterien mit genug Saft versorgte für den Betrieb der elektrischen Winschen und der Klimaanlage, die in den Kajüten auf Wunsch kühle Luft zirkulieren lässt.




Betrieb: Mit elektrischen Winschen ist die Azuree 46 auch für eine kleine Crew bei mäßigem bis mittlerem Wind gut zu beherrschen.

Viel Boot, wenig Crew: Mit elektrischen Winschen ist die Azuree 46 bei mäßigem bis mittlerem Wind auch einhand  oder zu zweit gut zu beherrschen.


Die Werft setzt den Grundpreis der Azuree 46 bei etwa 310,000 Euro an, doch dabei bleibt es in der Regel wohl nicht, auch wenn man nicht alle Kreuzchen auf der Optionsliste setzt, wie es auf dem Testboot der Fall war. Fest steht, dass es für die Azuree 46 eine ganze Reihe von sinnvollen und manchmal auch ein wenig sündigen Zusätzen gibt, aus denen Eigner wählen können. Darüber hinaus bewies die Yacht nicht nur, dass sie ein seriöser Konkurrent im Markt für gediegene Racer/Cruiser zwischen 45 und 50 Fuß ist, sondern auch, dass Boote ”Made in Turkey” auf bestem Wege sind, sich in der Oberklasse des internationalen Segelbootmarkts zu etablieren.


Spezifikationen Azuree 46
LüA: 14 m
LWL: 13 m
Breite: 4,25m
Tiefg. (seicht/std.): 2,20/2,60 m
Verdr.: 10,7 t
Segelfl.: 120 qm
Motor: Volvo Penta 41 kW/55hp
Treibst. 215 l
Wasser 370 l
Durchfahrtshöhe: 22,0 m
CE-Kategorie: A
Design: Rob Humphreys
Grundpreis: 308,000 Euros


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