Als der Franzose Gustave Trouvé 1881 den Außenborder erfand, verwendete er einen Elektroantrieb. Das überrascht nicht, denn der Pionier war Elektroingenieur und Chemiker. Doch die Geschichte zeigt, dass eine clevere Erfindung alleine nicht genügt, um erfolgreich zu sein. Wie beim Automobil hat der Verbrennungsmotor die - zumindest in der Anwendung - saubere Elektrotechnik schnell verdrängt. Elektro-Außenborder gab es bis vor wenigen Jahren nur in leistungsschwachen Versionen, meist mit veralteter Technik und sehr begrenzten Reichweiten. Dennoch erfreuten sich diese Aggregate einiger Beliebtheit bei Anglern und auf Gewässern, auf denen Benziner Tabu sind. Wassersportler, die Wert auf Geschwindigkeit legen, nahmen von den Stromern allerdings kaum Notiz, doch das hat sich inzwischen geändert. Als es Christoph Ballin vor acht Jahren an den Starnberger See zog, träumte er von einem flotten Motorboot für die Erkundung des schönen Gewässers, auf dem der Einsatz von Verbrennungsmotoren vom Gesetzgeber jedoch stark limitiert ist. Für Elektroantriebe besteht das Problem dagegen nicht. Als Ballin mit seinen Ansprüchen im Handel nicht fündig wurde, witterte der promovierte Betriebswirtschaftler eine Marktlücke. Er gründete Torqeedo, ein Unternehmen zur Herstellung leistungsfähiger Elektroantriebe für Boote, das mittlerweile als Weltmarktführer in diesem Segment gilt.




Klassisch-elektrisch: Leichtes Retro-Runabout mit Deep Blue am Heck

Klassisch-elektrisch: Leichtes Retro-Runabout mit Deep Blue am Heck


Zunächst war allerdings Pionierarbeit gefragt, denn die Fortschritte in der Akku-Technologie und Mikroelektronik hatten bisher kaum den Weg in die Entwicklung von Außenbordern gefunden. Zweifelhafte Kompromisse sollten dabei vermieden werden, weshalb fast alles neu konstruiert wurde. Torqeedos Ingenieure orientierten sich dabei an Spitzentechnologien wie Lithium-Akkus, Leichtbau und intelligenter Mikroelektronik. Man entwickelte beispielsweise auch eigens einen Bordcomputer mit integriertem GPS, der den Fahrer über die verbleibende Restenergie informiert, um noch sicher an Land zu kommen. Um Leistungsausbeute und Reichweite zu verbessern, galt es, den Strom möglichst effektiv zu nutzen und den Wirkungsgrad der Motoren mit effizienter Propeller- und Getriebetechnik zu optimieren.



Hi-Tech für High Performance


Zuerst stellte Torqeedo ein Sortiment von kleineren Motoren vor, wie zum Beispiel das Modell Travel für Beiboote, Jollen und Daysailer, doch im Vorjahr präsentierte das Unternehmen dann den bullenstarken Deep Blue 80, der mit einer Eingangsleistung von 55 kW (entspricht 75 PS) durch seinen bemerkenswert guten Wirkungsgrad von 54 Prozent eine Vortriebsleistung von 29,7 kW (40,5 PS) ins Wasser bringt. Dies entspricht etwa dem Leistungspotenzial eines Benzinmotors mit 58,8 kW (80 PS) und macht den Deep Blue mit Abstand zum weltweit kräftigsten Elektro-Außenborder. Für die effektive Umsetzung der Energie wurde tief in die Hightech-Trickkiste gegriffen und bis ins letzte Detail optimiert. An der Nabe von Schiffsschrauben bilden sich durch die Drehbewegung störende Wirbel, die Leistungseinbußen verursachen. Der Hydrodynamik-Spezialist Dr. Reinhard Schulze von der Schiffsbau-Versuchsanstalt Potsdam hatte bereits 2002 ein Patent auf einen Propeller erhalten, dessen kleine Propellerblätter an Ende der Nabe die Bildung eben dieser Wirbel verhindern. Dieses Konstruktionsprinzip, das schon länger bei U-Booten bekannt ist, kommt auch beim Deep Blue zum Einsatz. Die komplexe Elektronik bzw. Elektrotechnik des Motors sind zudem wasserdicht verpackt, wobei diese Komponenten im Falle bis zu einem Meter Wassertiefe und für die Dauer von 30 Minuten trocken bleiben sollen.




Hightech-Quirl: Bürstenloser Motor, digitale Schaltung, drehmoment-steigerndes Getriebe und effizienter Propeller

Hightech-Quirl: Bürstenloser Motor, digitale Schaltung, drehmomentsteigerndes Getriebe und effizienter Propeller. Foto: Dieter Wanke


Spritziges Fahrvergnügen


Für die Testfahrt war der Prototyp des Deep Blue 80 an einer Palena 6,2, einem eleganten 6,20 Meter langen und 380 Kilogramm leichten Edelholzboot montiert. Die erste Überraschung: Lautlos, wie man sich Elektromotoren gerne vorstellt, ist der neue Antrieb keineswegs. Insbesondere das Getriebe zur Umsetzung der Kraft auf den Propeller trägt zur Geräuschkulisse bei. Dennoch überwiegen die Windgeräusche und insgesamt ist der Elektroantrieb leiser, als ein vergleichbarer Benziner. Beim Drehzahlniveau gibt es im Vergleich zu einem Verbrennungsmotor keine Unterschiede, doch beim Gewicht gewinnt der Elektroantrieb, denn der bringt nur 125 Kilogramm auf die Waage, etwa 35 Kilo weniger als ein adäquater Benzinmotor. Doch der Vergleich hinkt, denn wenn man zwei Fahrakkus mit je 149 Kilogramm dazu rechnet, liegt das komplette Deep-Blue-Paket bei rund 423 Kilogramm. Um das zu überbieten, müsste man auf einem Vergleichsboot mit Benzinmotor schon sehr große Mengen an Treibstoff bunkern.


Unter Volllast erreicht das Boot bei 6200 Umdrehungen immerhin 21,6 Knoten. Bei der Geschwindigkeit ist der gespeicherte Strom allerdings in rund 30 Minuten verbraucht. Wenn man den Speed auf die Hälfte, also 10,8 Knoten verringert, steigt die Laufzeit auf 82 Minuten. Wenn sich der Skipper gar mit knapp fünf Knoten begnügt, liefern die Akkus Strom für über acht Betriebsstunden. Mehr Reichweite lässt sich natürlich mit zusätzlichen Batterien erzielen.




Kein Understatement: Der Deep Blue hat Power und zeigt dies auch. Foto: Dieter Wanke

Kein Understatement: Der Deep Blue hat Power und zeigt dies auch optisch. Foto: Dieter Wanke


Die Energiespeicher, die nach den Vorgaben von Torqeedo speziell für den Deep Blue entwickelt wurden, liefert Johnson Controls, ein Marktführer bei der Ausstattung von Hybrid-Autos. Dass der Hersteller seiner Technik vertraut, zeigen beachtliche neun Jahre Gewährleistung auf 80 Prozent der ursprünglichen Kapazität. Das sollte der Kunde bei dem Preis von immerhin 29.789 Euro für die beiden Fahrakkus auch erwarten dürfen. Zu dieser Mindestausstattung kommt dann noch der Motor selbst, der mit weiteren 17.999 Euro berechnet wird.


Torqeedo kalkuliert bei angenommenen 150 Nutzungstagen mit jährlichen Batterie- und Betriebskosten von 4.642 Euro. Dabei wird von einer Finanzierung mit einem effektiven Jahreszins von 5 Prozent über den Gewährleistungszeitraum ausgegangen. Dem Rechenexempel liegt ein Strompreis von 0,257 Euro pro Kilowattstunde zugrunde und pro Ladung werden 80 Prozent der Gesamtkapazität veranschlagt.




Kraftspeicher: Batteriepaket achtern unter dem Cockpitboden. Foto: Dieter Wanke

Kraftspeicher: Batteriepaket achtern unter dem Cockpitboden. Foto: Dieter Wanke


Variationen zum Thema Deep Blue 


Inzwischen hat Torqeedo den Deep Blue 80 zu einem kompletten System weiterentwickelt, das prestigeträchtige Auszeichnungen einheimste und insbesondere gewerbliche Nutzer oder Interessenten ansprechen soll, die aus Umweltschutz-Gründen Wert auf saubere Technik legen wollen oder müssen. Neben dem Deep Blue 40 mit halber Leistung und verschiedenen Schaftlängen sind nun mit dem Deep Blue 40i und 80i zwei Innenborder mit gleicher Technik im Programm.


Für Interessenten, die nicht mit dem Top-Modell anfangen wollen, bietet Torqeedo auch kleineren Motoren an, wie zum Beispiel das nur 13 Kilogramm leichte Einstiegsmodell Travel 503 mit einer Eingangsleistung von 500 Watt, was in etwa einem Benzin-Außenborder mit 2 PS entspricht. Der doppelt so starke Travel 1003 ist mit einem Gewicht von rund 25 Kilogramm auch noch tragbar. Die Akkus sind bei diesen beiden Antrieben integriert, wodurch sich das Handling einfacher gestaltet. Dann ist da noch der Ultralight 403, der ein Kanu rund vier Stunden lang mit 3,2 Knoten anschiebt, bevor der Akku getauscht, bzw. geladen werden muss. Für höhere Ansprüche bietet Torqeedo die Cruiser-Serie mit 2000 bis 4000 Watt Eingangsleistung an. Diese Motoren haben deutlich mehr Schubkraft und entsprechen in etwa Benzinmotoren von 4,4 bis 7,3 KW (6 bis 9,9 PS). Die Energieversorgung erledigen hier separate Lithium-Hochleistungsakkus mit je 2685 Wattstunden.




Zeichen der Zeit:  Digitalinstrumente für Batteriekapazität und Geschwindigkeit. Foto: Dieter Wanke

Zeichen der Zeit: Digitalinstrumente für Batteriekapazität und Geschwindigkeit. Foto: Dieter Wanke


Mit dem Deep-Blue-System versucht Torqeedo als weltweit erster Hersteller leistungsfähige Elektroantriebe aus der Serienproduktion für Boote zu etablieren. Die hochmoderne Akku-Technologie ist zwar deutlich leistungsfähiger als noch vor einigen Jahren, dennoch rechnet sich die Investition zunächst wohl nur für gewerbliche und institutionelle Anwender oder Nutzer, die aus Gründen des Umweltschutzes keine andere Technik einsetzen können.


Hersteller
Torqeedo GmbH
Friedrichshafener Straße 4a
82205 Gilching
Deutschland
Tel.: (08153) 9215 - 100

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