In einem Herzschlagfinale hat Puma mit dem Kieler Vorschiffsmann Michael Müller die härteste Etappe des Volvo Ocean Race gewonnen. Nach 19 Tagen, 18 Stunden, neun Minuten und 50 Sekunden voller Strapazen von Auckland , Neuseeland durchs Südpolarmeer und um Kap Hoorn steuerte US-Skipper Ken Read sein Boot vor Itajaí in Brasilien ganze zwölf Minuten und 38 Sekunden vor der spanischen Telefoníca von Iker Martínez über die Ziellinie. Auf dem fünften Teilstück  über etwa 7000 Seemeilen (ca.13.000 Kilometer) war Puma das einzige Schiff, das von größeren Schäden verschont blieb. Mit diesem Ergebnis kletterten sie in der Gesamtwertung mit 113 Punkten kurzfristig auf Rang 2 hinter den Spaniern (147). Doch dabei wir es wohl kaum bleiben.

Männer im Mast: So knapp war's am Schluss. Telefonica (r.) hätte es beinahe noch geschafft. Foto: Ian Roman/VOR


Nach ihrem Mastbruch 700 Meilen vor dem Ziel, lief die zu dem Zeitpunkt führende Groupama Punta del Este in Uruguay unter Maschine an, um ein Notrigg zu stellen, mit dem das Team von Franck Cammas dieses Teilstück demnächst auf Platz 3 beenden wird, so nichts Unvorhersehbares passiert. Damit holen sich die Franzosen 20 Punkte, womit sie in der Gesamtwertung mit 127 Zählern auf Platz 2 vorrücken. Camper, die zwecks Reparatur den chilenischen Hafen Puerto Montt anlaufen musste, ist mitlerweile wieder unterwegs und sollte die Etappe gegen Ende dieser Woche auf Platz 4 beenden. Aufgegeben haben die chinesische Sanya, die schon zu Beginn der Etappe einen Ruderbruch erlitt und Abu Dhabi, bei der eine große Sektion des Rumpfes delaminierte. Sanya wird auch bie der nächsten Etappe passen und wird erst in Miami wieder zum Zirkus stoßen, während Abu Dhabi aus per Frachter nach Itajai verschifft wird.




Jubel bei Puma während der obligaten Sektdusche im Ziel. Michael Müller (l.) und Skipper Ken Read (m.) Foto: Paul Todd



„Das war eine unglaublich harte Etappe, zweigeteilt mit extremen Bedingungen bis Kap Hoorn und wechselhaft, aber taktisch spannend danach“, sagte Müller nach dem Zieleinlauf. „Die Crew kann diese Belastungen immer noch ganz gut dosieren und wegstecken, aber das Boot bricht früher oder später auseinander, wenn wir nicht vom Gaspedal gehen“, so der 29-Jährige. Und genau das hat sein Team mit dem richtigen Fingerspitzengefühl getan. „Überleben und Überreizen liegen im Southern Ocean meist dicht beieinander“, pflichtete Skipper Read dem einzigen Deutschen im härtesten Hochseerennen der Welt bei, „die Boote sind schon enorm widerstandsfähig, aber kaputtfahren könnten wir sie bei schwerem Wetter jederzeit. Volldampf geht einfach irgendwann nicht mehr.“

Auf Groupama sichert ein Segler den Maststummel,. Mit Notrigg dürfte das Team die Etappe auf Platz 3 beenden. Foto: Yann Riou/Groupama



Unterhalb des 40. Grads südlicher Breite, den berühmten Roaring Forties (Brüllenden Vierzigern), mussten die Hochseesegler diesmal orkanartige Stürme mit zehn Meter hohen Wellen überstehen. Atemberaubende Videobilder mit weißen Brechern an Deck gingen um die Welt. Wenn die Gegner danach immer noch in Sichtweite um den Sieg kämpfen, wird die Intensität der Hochseeregatta auch für den Beobachter greifbar.

Das Südpolarmeer zeigte den Seglern die Zähne. Alle Boote, bis auf Puma, mussten wegen zum Teil schwerer Defekte einen Hafen anlaufen. Foto: Yann Riuou/Groupama



Und die letzten Stunden vor dem Zieleinlauf in Itajaí waren an Dramatik kaum zu überbieten. Praktisch wehrlos hatte das Puma-Team zuschauen müssen, wie der Verfolger unaufhaltsam mit dem besseren Wind aufkamen. „Die gesamte Crew hat zuletzt kein Auge mehr zugemacht, sondern um jedes Zehntel Knoten Geschwindigkeit gekämpft“, berichtete der stolze Skipper. Erst kamen die Kontrahenten in Sichtweite, dann kreuzten sich die Wege. Der Vorsprung schmolz zeitweise auf nur noch 400 Meter. In klassischer Matchrace-Taktik konterte Read jeden Überholversuch der Spanier, segelte sogar weit an der Anliegelinie zum Ziel vorbei, um am Ende keinerlei Risiko mehr einzugehen. Read. „Erst eine Viertelstunde vor Schluss waren wir uns sicher, dass nichts mehr schiefgehen konnte. Das war ein richtig gutes Gefühl.“

Auf Camper brach ein Stringer, der mit Bordmitteln nur provisorsich zu reparieren war. Foto: Hamish Hooper/Camper



Die von Materialbruch geprägte Königsetappe war auch für die Puma-Crew ein Wechselbad der Gefühle. Schon in der ersten Nacht nach dem Start waren die Bedingungen so brutal gewesen, dass sich zwei Segler erheblich verletzten, als sie an Deck von den Wassermassen erfasst wurden. Der Skipper wollte sie schon auf den Chatham-Inseln abbergen lassen, als der Wind nachließ und Zeit zur Erholung erlaubte. Ihr Zustand besserte sich, eine Schlüsselsituation im Rennen. Dagegen musste Ian Walker die Abu Dhabi gleich nach Beginn zurück nach Neuseeland steuern, um ein herausgerissenes Schott zu reparieren, und die chinesische Sanya mit dem zweimaligen Gesamtgewinner Mike Sanderson später nach einem Ruderbruch ganz aufgeben. Wegen des geringen Frachtverkehrs zwischen Neuseeland und Brasilien verzichtete das Team bereits auf die Teilnahme an der sechsten Etappe nach Brasilien (Start: 22. April) und ließ das Boot direkt in die USA verschiffen.

Ein bekanntes Bild: Eine defekte Volvo-Yacht, wie hier Team Sanya, wird auf einen Frachter verladen. Foto: Andres Soriano/Sanya



Doch damit nicht genug. Im weiteren Verlauf erwischte es die neuseeländische Camper von Chris Nicholson. Mit einem Rumpfschaden drehte sie ab und nahm statt Kap Hoorn Kurs auf den chilenischen Hafen von Puerto Montt 800 Seemeilen weiter nördlich. Dort wurde mehrere Tage lang repariert, bevor die Etappe über Ostern wieder aufgenommen wurde – 3.000 Seemeilen blieben noch nach. Inzwischen hatte auch die Abu Dhabi erneut Probleme. Eine Delamination am Rumpf wurde mit 30 Schrauben durch die Außenhaut provisorisch fixiert. Doch auch das Team lief nach Chile ab, wo es die Etappe aufgab, um zumindest per Frachter noch rechtzeitig zum Hafenrennen nach Itajaí zu gelangen.

Gebolzt und aufgegeben. Abu Dhabi war schon am Beginn der Etappe umgekehrt, weil ein Schott brach. Später delaminierte der Rumpf, der in einer waghalsigen Aktion von außen mit 30 Bolzen zusammengeschraubt werden musste,. Dennoch gab das Team die Etappe auf. Foto: Nick Dana/VOR



An der Spitze des Felds setzte sich die Groupama vor der Puma ab, als auch der ehemalige 49er-Olympiasieger Iker Martínez bremsen musste. Die Telefoníca war im Bugbereich „angebrochen“, doch die Shore Crew (Landmannschaft) schaffte eine logistische Meisterleistung. Statt eines geplanten Stopps im argentinischen Hafen von Ushuaia schickte sie der Rennyacht ein Motorboot entgegen, aus dem die Bootsbauer in einer geschützten Bucht des Kap Hoorn-Nationalparks in 17 Stunden die Reparatur vollzogen. Der Schachzug zahlte sich doppelt aus, denn die Spanier nahmen das Rennen in einem viel günstigeren Wetterfenster wieder auf. Während vorne ein Hochdruckgebiet den Weg blockierte, kam von hinten eine Front mit frischer Brise auf. „Das war reines Glück, sonst hätten wir mehr als 400 Seemeilen Rückstand niemals wettmachen können“, gab der Skipper unumwunden zu.

Als dann auch noch auf der Groupama im Bug-an-Bug-Rennen mit der Puma bei ungemütlichen, aber nicht außergewöhnlichen äußeren Bedingungen der Mast brach, waren nur noch zwei von sechs Booten im Rennen. „Das darf so nicht sein und wird von uns genau analysiert werden“, erklärte der Chef des Volvo Ocean Race, Knut Frostad, „so eine hohe Zahl an Ausfällen darf es künftig nicht mehr geben.“ Ohne den Ergebnissen vorzugreifen, werde eine Verschärfung der Bauformel erwogen, um die Volvo Ocean 70-Yachten für die nächste Auflage der Weltregatta noch stabiler und sicherer zu machen. Eine Entscheidung darüber soll noch während des laufenden Rennens fallen.

Bis zum 21. April haben die Mannschaften Zeit, sich von den jüngsten Strapazen zu erholen. Dann startet das Hafenrennen in Itajaí und einen Tag darauf am Sonntag (22. April) die sechste Etappe über den Äquator zurück auf die Nordhalbkugel nach Miami in Florida.

 

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